Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Frankreichs Aufbruch

Wien (OTS) - In der Sprache des Sports war der Ausgang der französischen Wahl ein klarer Start-Ziel-Sieg. Für die politische Psychologie war es ein Triumph einer über Jahre unbeirrt ein klares Ziel ansteuernden Willenskraft. Diese zeigte sich auch darin, dass Nicolas Sarkozy schon wenige Minuten nach Ende der Wahl eine staatsmännische Grundsatzrede bereit hatte.

Dem stand eine ideologisch fragmentierte und verunsicherte Linke gegenüber, was sich auch im Zick-Zack-Kurs der sozialistischen Kandidatin niederschlug. Diese hat ihre eigene Niederlage in den allerletzten Stunden noch richtig einzementiert, als sie für den Fall eines Sarkozy-Sieges ankündigte (um nicht zu sagen: androhte), dass dann die islamischen Vorstädte brennen werden. Das hat jedoch nur die bürgerlichen Wähler gegen sie mobilisiert.

Die eigentliche Sensation dieser Wahl: Zum erstenmal seit Margaret Thatcher hat ein klar marktwirtschaftlicher, Immigrations-skeptischer, pro-amerikanischer, pro-israelischer, pro-Law-And-Order Kandidat der Rechten (Tony Blair gilt ja seltsamerweise als Linker) eine wichtige europäische Wahl gewonnen. Das noch dazu im traditionell anti-amerikanischen Frankreich; das in Zeiten, da Amerikas und Israels Image am Boden liegt; und das in einem Land, wo auch die Rechte lange sozialdemokratisch dachte.

Fast erwartungsgemäß wurde gegen Sarkozy auch noch die übliche Faschismuskeule geschwungen (immer die letzte Waffe der Linken). So wurde er etwa auch im ORF-Radio vor ein paar Tagen noch als "extrem rechts" eingestuft; wer zur BBC flüchtete, erfuhr allerdings fünf Minuten später, dass Sarkozy "center right" sei. Nun ja, es gibt ja zum Glück eine Vielfalt an Informationsquellen.

Sarkozy kann zusammen mit Europas neuem Star Angela Merkel und dem in Kürze die Macht übernehmenden Gordon Brown dem siechen Europa wieder eine starke Führung geben. Führung wird er aber auch dem liberalkonservativen Lager geben. Dort kann man sich nun die eigenen Chancen ausrechnen, sofern man nicht intern zerstritten zur Wahl antritt (siehe die CDU), sich von Korruptionisten fernhält (siehe Italien), nicht lügt (siehe Spanien), und sofern man auch als deklarierter Favorit wahlkämpft (siehe Österreich).

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