"Kleine Zeitung" Kommentar: "Bei der Arbeitszeit steht der ÖGB besser da, als er eigentlich will" (Von Johannes Kübeck)

Ausgabe vom 05.05.2007

Graz (OTS) - Die deutschen Gewerkschafter haben gerade in Warnstreiks die Muskeln spielen lassen, doch beim Lohnabschluss mussten sie Federn lassen. Bei uns hat der ÖGB gar keinen Streikfonds mehr und dennoch die Kraft, mit der Wirtschaft einen bemerkenswerte Pakt in Sachen Arbeitszeit zu schließen.

Es ist ein Lebenszeichen, das viele dem ÖGB seit dem unseligen Bawag-Skandal gar nicht mehr zugetraut haben. Doch wenn es um Ergebnisse geht, wird in der Welt der Arbeit jedes vorhandene Werkzeug dankbar ergriffen. Da spielt es auch eine erhebliche Rolle, dass die heimischen Gewerkschafter in der Vergangenheit immer wieder Augenmaß bewiesen haben.

Dieses Augenmaß wird gerade jetzt von einigen als Schwäche gebrandmarkt, die nicht am Verhandlungstisch saßen. Ihre Bestürzung, dass durch den Pakt die Tür angeblich offen sei für den regelmäßigen Zehn-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche, ist geheuchelt. Die Gewerkschaften haben nicht die Interessen ihrer Mitglieder und aller Unselbstständigen verraten, sondern sie durchaus intelligent an das unvermeidliche Umfeld der Globalisierung angepasst. Dieses Umfeld nicht zu berücksichtigen, wäre tatsächlich ein Verrat an den 3,3 Millionen Werktätigen in Österreich gewesen.

Ihr Augenmaß in fachlichen Fragen ist unseren Gewerkschaftern schon so zum Wesensmerkmal geworden, dass es auch Selbstbeschädigung nicht ausschließt. So lässt ein Resultat der Arbeitszeit-Einigung den ÖGB sogar besser aussehen, als er es eigentlich möchte. Auf der einen Seite müssen die vorwiegend männlichen Arbeitnehmer mit Vollzeitjobs künftig zu mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit bereit sein. Auf der anderen Seite bekommen die überwiegend weiblichen Teilzeitkräfte die Chance auf höhere Einkommen. Auch wenn es zwischen den beiden Ergebnissen keinen kausalen Zusammenhang gibt, könnte der ÖGB das als einen bewussten Akt der Solidarität zwischen den Arbeitnehmergruppen und Geschlechtern rühmen. Dass die Gewerkschaftsspitze das vor lauer Augenmaß nicht tut, spricht für ihre Ehrlichkeit und gegen ihren Instinkt.

Wenn die deutschen Gewerkschaften mit ihrer lustvollen Bereitschaft zu Warnstreiks manchmal zuviel Hitzigkeit beweisen, so ist die Symbolik vieler ÖGB-Handlungen zu oft zu unterkühlt. Will er den Mitgliederschwund stoppen, muss der ÖGB nicht seine Inhalte ändern, aber den Stil. Es könnte nicht schaden, wenn er dabei Anleihen aus der Unternehmerwelt nimmt.****

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