Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Sarkozy und Österreich

Noch nie war eine französische Wahl für Österreich so bedeutend wie diese. Wir sind heute so tief in die EU verwoben, dass die Wahl des wichtigsten europäischen Präsidenten für uns viel folgenreicher ist als die des eigenen. Die Bedeutung des Duells Royal-Sarkozy wird aber auch für das Nachkriegs-Frankreich nur übertroffen durch den Wechsel von der alten Republik mit ihren ständigen Krisen zu De Gaulles Präsidialsystem vor 40 Jahren.

Ginge es nur um die Persönlichkeit, dann wäre klar: Ségolène Royal wirkt sympathischer und ausgeglichener. Und dass sie eine Frau ist, ist sowieso längst irrelevant (auch wenn sie zuletzt ihr Geschlecht zum Thema macht, aber wohl nur als ausrede, weil die Umfragen Unheil prophezeien). Nicolas Sarkozy macht hingegen einen unerquicklich cholerischen und seine geringe Körpergröße bisweilen überkompensierenden Eindruck - auch wenn er das beim TV-Duell elegant überspielt hat.

Dennoch ist Sarkozy die Hoffnung für Frankreich wie Europa. Gerade seine napoleonesken Züge lassen die nötige Stärke erwarten, um die Große Nation aus ihrer Erstarrung zu wecken. Er hat im Gegensatz zur ordnungspolitisch unsicheren Royal klare Vorstellungen von den notwendigen Eckpunkten einer Reform. Nicht, dass er der erste wäre, der solche Ideen hat. Aber eine unheilvolle französische Tradition hat dazu geführt, dass bisher jede notwendige, jedoch für irgendwen schmerzhafte Reform nach ein paar wilden Demonstrationen aufgegeben wurde. Den Franzosen ist nämlich seit 1789 die Straße irgendwie heilig - was egoistische Gruppeninteressen immer öfter ausnutzen.

Fast jeder Ökonom weiß, dass die 35-Stunden-Woche oder die Unkündbarkeit von Arbeitskräften die Entwicklung Frankreichs massiv behindern. Aber Jacques Chirac, einer der feigsten und unfähigsten Politiker des Kontinents, der jahrzehntelang Frankreich dominiert hat, hat keine einzige dieser Heiligen Kühe zu schlachten gewagt. Sarkozy verkörpert wohl die letzte Hoffnung, dass Frankreich mutiger wird, ehe es ganz Europa in einen Krisenstrudel zieht. Sarkozy verkörpert überdies am klarsten ein Nein zum EU-Beitritt der Türkei und zu den offenen Toren, mit welchen die Linksregierungen im Süden Europas unqualifizierte Immigranten aus Afrika zum Kommen animieren.

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