Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Mediale Pornografie

Wem das Wasser bis zum Mund steht, der schlägt wild um sich. Vor allem, wenn er zuvor den Mund zu voll genommen und eine schwere ideologische Schlagseite bekommen hat. In dieser Lage befindet sich der ORF nach dem Totalabsturz der Gröbraz, der größtmöglich bejubelten Reform aller Zeiten.

Um doch noch ein paar Menschen an die Fernsehapparate zu locken, versucht man nun Skandale zu inszenieren. So zuletzt im "Extrazimmer", jener strengen Kammer, in die alle gesperrt werden, die noch immer hoffen, dass der zeitgeistig ausgehöhlte ORF doch einmal eine intelligente Diskussionssendung schafft. Die ausgewählten Gastgeber-Quartette waren von Anfang an schlicht eine Zumutung; sie reichen nicht einmal im Viererpack an einen einzigen jener deutschen Moderatoren heran, die man als glücklicher Kabel- oder Satelliten-Besitzer jeden Abend beobachten kann.

Am Mittwoch durfte ich an einer eindrucksvollen Diskussion interessanter Frauen aus diversen Berufen teilnehmen, bis ich dann im ORF in das ahnungslose Geschnattere von vier wo auch immer aufgelesenen "Gastgeberinnen" geriet (Pardon: Eine sagte nichts, sondern lächelte nur), die inhaltlich lediglich Illustrierten-Quatsch - "metrosexuell" und so - von sich geben können. Wo bleiben übrigens die Feministinnen, die gegen diese wohl nur als frauenfeindlich interpretierbare Auswahl kämpfen?

Wegen des Quoten-Blaulichts mussten die Damen nun mit einem abgeurteilten Verbrecher plaudern. Der seine Verurteilung (wegen der Palmers-Entführung) noch Jahrzehnte danach als "Frechheit" bezeichnet. Der den hilflosen Vier provozierend erzählt, dass er heute noch "fürs Erschießen" des Palmers wäre. Der hohles Selbstmitleid mit dem Satz krönt: "Ich bereue nicht, dass man einen Großkapitalisten enteignet hat."

Und dieser peinliche Versuch, durch Provokation doch noch ein paar Seher zurückzuholen, findet in einem angeblich öffentlich-rechtlichen Sender statt, für den wir Zwangsgebühren zahlen müssen!
Gewiss, es ist traurig für den ORF, dass die alten fetten Zeiten durch die böse Konkurrenz unwiederbringlich vorbei sind. Wenn er jedoch statt einer radikalen Programmwende Richtung BBC/ARD/ZDF sich nun in politischer Pornografie versucht, hat er in Kürze seine letzte Existenzbasis verloren.

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