DER STANDARD-KOMMENTAR "Houdinis in der Schule" von Lisa Nimmervoll

Über die Amateurisierung der Bildung - Studiengebühren-Befreiung als Schmäh - Ausgabe vom 4.5.2007

Wien (OTS) - Große Koalitionen sollen große Dinge vollbringen, heißt es gern - vor allem aus dem Mund der groß Regierenden. Jetzt widerlegt die amtierende "Große" aber gerade diese ohnehin ziemlich banale Selbsterbauungsphrase auf eindrucksvolle Weise. Denn das glorios angekündigte Modell zur Selbstbefreiung der Studierenden aus der Fessel der Studiengebühren ist nicht nur klein, es ist schlicht läppisch.
Das mag daran liegen, dass es relativ schnell - und entgegen dem ursprünglichen Versprechen ohne Einbindung der Betroffenen, nämlich der ÖH - aus dem Boden gestampft wurde. Vor allem aber wirkt es sichtlich unambitioniert. Das wiederum könnte daraus resultieren, dass der ressortzuständige Wissenschaftsminister Johannes Hahn - ein überzeugter und ÖVP-linientreuer Befürworter der Studiengebühren -wohl wenig Ambition hatte, das vor allem in der studentischen Öffentlichkeit als gebrochenes Wahlversprechen der SPÖ rangierende Problem nachträglich weniger gebrochen erscheinen zu lassen und durch ein tolles "So holt ihr euch die ungeliebte Studiengebühr reihenweise zurück"-Modell auszubügeln. Warum sollte er auch? Um sich das "Versprechen gebrochen"-Schild umzuhängen?
Dementsprechend sieht das Ergebnis auch aus. Fürderhin sollen zwei Wege ins gebührenfreie Glück führen: "Tutoring" und "Mentoring". Studentische Houdinis können sich in der Kunst der finanziellen Entfesselung üben - vor Kinder-Publikum.
Hier wird das unsinnige Sozialdienst-Vorhaben, das es von Anfang an war, aber der SPÖ nach der Wahl eben das Gesicht ein bisschen zu wahren helfen sollte, am deutlichsten sichtbar. Denn die Signalwirkung ist eine problematische. Das ohnehin in massiven Schwierigkeiten steckende und durch die Gesamtschuldebatte zusätzlich verunsicherte Schulsystem soll ein Spielplatz werden für studentische Möchtegern-Pädagogen, die sich durch ein bisschen Lehrerin- oder Lehrer-Spielen Geld fürs Studium ersparen können. Denn was bedeutet das? Wenn jede und jeder Studierende, die oder der kurz in Didaktik und "Präsentationstechnik" geschult wurde, gleich als pädagogische Instanz in den Schulen auf Kinder mit besonderen Bedürfnissen - und solche sind Leseschwäche und Sprachdefizite zweifelsfrei -losgelassen wird, dann ist das ein deutliches Zeichen für eine schleichende Amateurisierung des Bildungsbereichs.
Wer nur ein bisschen Ahnung hat von Legasthenie oder den komplexen Sprachvermittlungsprozessen, die Kinder mit nicht deutscher Muttersprache brauchen, wird schnell einsehen, dass dafür mehr als ein paar Stunden Einschulung nötig sind.
Dazu kommt die schlechte Optik, dass bestehende Defizite des Schulsystems durch nicht einmal semiprofessionelle Schul-Arbeiter ausgeglichen werden sollen. Und dass Nachhilfe alias "Mentoring" ein lukrativer Markt ist, wissen die Studierenden selbst. Dass sie dort das Drei- bis Fünffache verdienen können, erst recht - also Studiengebühr plus zusätzliches Geld zum Leben. Warum also zum Sozialtarif in der Schule für sechs Euro arbeiten?
So bleibt vom Sozialdienst-Modell nur ein positiver Aspekt übrig: Von der gemein_gefährlichen Absicht, Hospiz-Arbeit einzubeziehen, ist zum Glück keine Rede mehr. Was bleibt, ist ein Modell, das nur für eine ganz kleine Gruppe von Studierenden relevant sein und das hohe Ver_waltungskosten verursachen wird. Ist es das wert?
Kanzler Alfred Gusenbauer dekretierte dieser Tage, Schule solle "kein permanentes Labor" sein. Wohl wahr. Bloß: Mit seiner Nachhilfe-Idee zur individuellen Abschaffung der Studiengebühr hat der SPÖ-Chef selbst dazu beigetragen, dass Schule genau diesen Laborcharakter bekommt.
Das Problem ist nur, dass die Versuchskaninchen keine robusten Zaubertiere sind, sondern Kinder, die adäquate pädagogische Unterstützung oder Information für ihren zukünftigen Bildungsweg brauchen. Das sollte hochprofessionell sein, ansonsten droht mehr Schaden als Nutzen.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001