"KURIER"-Kommentar von Andreas Schwarz: "Das Versprechen und die Realität"

Studiengebühren sind sinnvoll - das Modell zur Befreiung ist ein Kompromiss.

Wien (OTS) - Man könnte es sich leicht machen und dem
Bundeskanzler einmal mehr seine Umfaller-Qualitäten vorhalten. Mit dem Versprechen, dass es unter einem SPÖ-Kanzler keine Studiengebühren mehr geben werde, ist Alfred Gusenbauer in die Wahl gegangen.
Mit dem Versprechen, dass es für gemeinnützige Studenten-Tätigkeiten die Befreiung von den Studiengebühren geben wird, ist er aus den Koalitionsverhandlungen herausgegangen.
Mit der Ankündigung, selbst Nachhilfe geben zu wollen, und dem wohlwollenden Nicken zu Blasmusikverbänden und anderen, die sich auch als potenzielle Gebührenbefreite meldeten, hat der SPÖ-Chef sich ein paar mediale Auftritte verschafft.
Und die Parteijugend, die sich über gebrochene Wahlversprechen empörte, hat er entweder als Rabauken abgetan oder überhaupt ignoriert. Altes Gusenbauer-Motto: Am Ende hab’ ich doch recht. Jetzt liegt der von mehreren Ministerien erarbeitete Entwurf für die Studiengebühren-Befeiung vor. Und er sieht eine solche nur für jemanden vor, der an Schulen Studienberatung macht oder für Schüler im Alter von 10 bis 14 als Mentor tätig ist. Ein bisschen wird noch gestritten werden, und dann wird’s so kommen. Von großflächiger Befreiung keine Rede mehr.
Aber wie gesagt: Nicht die Umfall-Frage ist entscheidend, sondern die, wie sinnvoll eine schleichende Abschaffung der Studiengebühren gewesen wäre. Antwort: Gar nicht sinnvoll.
Der Hochschulzugang soll idealerweise frei, aber nicht unkontrolliert sein. Fehlende inhaltliche Zugangsbeschränkungen (Eingangsprüfungen) haben in vielen Studienrichtungen zu unbefriedigenden Überlastungszuständen geführt. Und fehlende Studiengebühren haben lange Zeit viele einmal irgendetwas studieren und Zeit verschenken lassen. Öffentliches Geld sowieso. Studiengebühren dürfen keine soziale Hürde sein, aber dazu gibt es Stipendien. Aber sie sind sehr wohl eine wirtschaftliche Maßnahme, im Sinne der Studenten und der Universitäten. Nicht umsonst gibt es in fast ganz Europa Studiengebühren in unterschiedlichster Ausformung (Kreditmodelle etc.), die dem in der Regel später besser verdienenden Absolventen zugemutet werden.
In einem Land, in dem Kinderbetreuungsplätze viel Geld kosten, Lehrlinge für ihre Meisterprüfung teuer zahlen, ist die Forderung nach Abschaffung der Uni-Gebühren schlicht unanständig. Wichtiger wäre die Forderung an Politik und Unis, mit dem Geld jene Studienbedingungen zu liefern, die sich ein zahlender Student auch verdient.
Aber so wie es aussieht, wird sich am System des mit 363 Euro im Halbjahr zu finanzierenden Uni-Zugangs nichts ändern. Mit Ausnahme besagter Tutoren- und Mentoren-Tätigkeiten, die vor allem den Betreuten zugute kommt und so durchaus Sinn macht. Ansonsten ist diese Lösung schlicht ein Kompromiss: Zwischen der Realität und einem sehr unrealistischen Versprechen.

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