Ärztekammer: "Prinzipielles Ja zu E-Health, generelles Nein zu ELGA"

OGM-Studie belegt mangelndes Wissen über ELGA in der Bevölkerung - Kritik auch an zu hohen Kosten

Wien (OTS) - Die Wiener Ärztekammer steht der Verwendung moderner Informationstechnologien im Gesundheitswesen prinzipiell offen gegenüber, lautete das Fazit einer Pressekonferenz, die die Ärztekammer heute, Donnerstag, zum Thema "E-Health: Weniger Staat, mehr Privat" abgehalten hat. "Die Elektronische Lebensbegleitende Gesundheitsakte, wie sie derzeit von IBM geplant ist, werden wir aber niemals akzeptieren", betonte dabei Ärztekammer-Vizepräsident Johannes Steinhart. ****

Kritik übt Steinhart insbesondere an der mangelnden Information der Bevölkerung über die Auswirkungen von ELGA sowie an den für die anfängliche Umsetzung von ELGA geplanten Investitionen in Höhe von 30 Millionen Euro. "Bei allen möglichen medizinischen Leistungen wird gespart, und dann haben wir plötzlich Millionen an Euros für das ELGA-Projekt", zeigt sich der Vizepräsident "mehr als verwundert".

61 Prozent haben noch nie von ELGA gehört

Laut Steinhart dürften die Verantwortlichen die Bevölkerung nur mangelhaft mit Informationen über ELGA versorgen. Bestätigt sieht er sich durch eine kürzlich durchgeführte Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Marketing (OGM). Dabei wurden insgesamt 501 Interviews mit Wienerinnen und Wienern ab 18 Jahren durchgeführt.

Demnach haben mehr als die Hälfte der Befragten, nämlich 61 Prozent, noch nie etwas von ELGA gehört. Für Steinhart ist dieses Ergebnis "erschreckend", denn ELGA habe enorme Auswirkungen auf die Patienten, "und dabei weiß ein Großteil der Bevölkerung noch nicht einmal, was da auf sie zukommt".

Investitionen von anfänglich 30 Millionen Euro für ELGA geplant

Anstoß zur Kritik sind zudem die für die Realisierung von ELGA veranschlagten 30 Millionen Euro. "Dieser Betrag stellt aber nur die Spitze des Eisberges dar", betont der stellvertretende Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte der Ärztekammer für Wien, Norbert Jachimowicz. Denn schließlich sei die achtstellige Summe nur für die Basisumsetzung, wie etwa die Speicherung von Labor- und Röntgenbefunden, gedacht. Weitere Gelder würden folgen (müssen).

Die Investitionen sollten besser in medizinische Leistungen fließen, fordert daher Jachimowicz und spiegelt damit auch den Willen der Bevölkerung wider. Denn 79 Prozent der von OGM befragten Personen hatten angegeben, eine Verwendung dieses Betrags für medizinische Leistungen vorzuziehen. "Ich betrachte dieses Ergebnis als klaren Auftrag der Bevölkerung an die Verantwortlichen im Gesundheitswesen, Alternativmodelle zu einer staatlichen ELGA vorzustellen", so Jachimowicz.

Der Patient soll selbst wählen können

Dabei hat die Ärztekammer bereits Alternativmodelle ausgearbeitet:
"Jeder Österreicher sollte die Möglichkeit erhalten, selbst zu wählen, ob, wo und zu welchen Bedingungen seine Gesundheitsdaten gespeichert werden", sagt Steinhart. Dies könnte beispielsweise mittels der Erstellung von so genannten "Physical Health Records" (PHR) geschehen. In diesem System wählt der Patient einen Arzt aus, der in seinem Namen PHR managt sowie die Dokumente, die gespeichert werden sollen, verwaltet. Zudem wird ganz exakt vereinbart, welcher Gesundheitsdiensteanbieter Zugriff auf welche Dokumente haben darf. "Auf diese Art wird gewährleistet, dass es der Patienten ist, der über seine Daten bestimmt, und nicht der Staat", verweist Steinhart auf die Vorteile dieses Modells.

Ebenfalls als Alternative vorstellbar ist die Verwendung eines "Stufenmodells", das derzeit mit den Spitälern des Wiener Krankenanstaltenverbunds und dem Hanusch-Krankenhaus im Rahmen eines Pilotversuchs erprobt wird. Dabei können auf Patientenwunsch Entlassungsbriefe vom niedergelassenen Arzt elektronisch angefordert werden. "Ohne die Zustimmung des Patienten geht aber auch hier nichts", so Steinhart. Hier sei besonders vorteilhaft, dass in den ersten beiden Jahren keine Kosten für die Ärzte entstünden. Zudem könne das System "ohne grobe technische Erfordernisse" ausgebaut werden, die Ärzte müssten nicht - wie bei ELGA - zusätzlich in EDV investieren, bestätigt auch Jachimowicz.

Steinhart abschließend: "Wie man sieht, muss E-Health nicht gleich verstaatlichte ELGA bedeuten. Es kommt nicht in Frage, dass für die Umsetzung einer bürokratischen Wunschvorstellung der Datenschutz als Grundrecht des österreichischen Bürgers zurechtgebogen wird. Noch dazu, wo sich eigentlich - laut OGM-Umfrage - 80 Prozent der Befragten für mehr medizinische Leistungen anstelle eines bürokratischen Zentralismus aussprechen." (kp)

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