"Kleine Zeitung" Kommentar: "Europas Nationalstaaten sind keine feste Burg" (Von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 03.05.2007

Graz (OTS) - Wäre die Trennung von Schottland und England ein James- Bond-Film, dann wäre Schottland längst unabhängig. Der Schotte Sean Connery hätte die Briten mit Bravour verjagt. Aber jetzt, mit Daniel Craig als 007, sieht die Sache weniger gut aus. Craig agiert ganz schön hart. Daher hat die Wahlurne viel Charme, wenn die Freunde der schottischen Unabhängigkeit losmarschieren.

Aber jenseits aller Folklore und jenseits des üppigen Angebots kabarettistischer Szenen ist das schottische Highland Game tief historisch.

Wir sind gewohnt, die europäischen Staaten als Nationalstaaten fest wie eine Burg zu sehen. Das stimmt nicht. Deutschland und Italien kamen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur nationalen Vereinigung. Großbritannien vor genau 300 Jahren. Spanien wurde nicht gewaltfrei Spanien und selbst der nationale Monolith Frankreich zeigt unter der historischen Zeitlupe seine Klebestellen. Von Mitteleuropa einschließlich Österreich ganz zu schweigen.

Aber es stimmt, der Trend ging einige Jahrhunderte gegen die Regionen und für jene Gebilde, die uns heute als Nationalstaaten vertraut sind. Sie boten mehr Sicherheit. Doch seit die EU erfolgreich ist, gibt es einen neuen Dachverband. Viele Regionen könnten sich vorstellen, ihre alte Selbstständigkeit wieder herzustellen, im Verbund mit Brüssel.

Ob das praktisch möglich ist, müsste sich in jedem Fall einzeln zeigen. Das tschechisch-slowakische Beispiel darf als Erfolgsmodell gelten, das jugoslawische Beispiel beweist, welche blutigen Umwege plötzlich auftauchen können. Ob Norditalien das gut machen könnte, ist völlig offen, mehr Chancen hätte derzeit vermutlich Katalanien.

Aber es bewegt sich etwas im staatlichen Europa. Wer je in einer alten Almhütte unter dem Dach geschlafen hat, weiß, wie das Holz knackt und knistert. Das Dach hält in der Regel. Auch die Nationalstaaten haben gute Chancen. Aber sie müssen sich anstrengen. Es ist gut, dass innerhalb der EU auch eine nationale Regierung keine Panzer in aufmüpfige Regionen schicken kann. Für das gemeinsame Leben muss überzeugt werden.

Das darf nicht als Unglück gelten. Wie das alte und neue Regionale mit dem jetzt gegebenen Staatlichen und dem sich entwickelnden Europäischen verknüpft werden soll, darf nicht von vornherein als ausgemacht angesehen werden. So lange der Prozess der Neupositionierung friedlich verläuft, muss er als freier Wille der Bürger akzeptiert werden.****

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