Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Tue Gutes - aber wie?

Wien (OTS) - Nicht die Gewinne, sondern die Ethik und die "soziale Verantwortung" stehen im Zentrum der Firmenphilosophie. So haben uns jahrelang viele Marketing-Abteilungen, Lobby- und PR-Agenturen eingeredet. Als diesbezüglicher Vorzugsschüler wurde oft BP präsentiert. Die britische Ölfirma versuchte den Eindruck zu erwecken, dass sie eigentlich gar nichts mehr mit Petroleum zu tun habe. Prompt wurden ihre Aktien in viele "ethische Fonds" aufgenommen, die den Sparern und Anlegern wieder ihrerseits einredeten, dass eine Geldanlage bei ihnen viel anständiger wäre als anderswo.

Heute weiß man es besser. Und das gilt wohl nicht nur für BP, sondern für viele andere Firmen. BP macht so wie andere Multis sein Hauptgeschäft weiterhin mit dem schmutzigen (jedoch notwendigen) Öl; auch bei BP passiert Hässliches (etwa eine Explosion in einer Raffinerie); und nun musste sogar der Legenden-bekränzte BP-Boss zurücktreten, weil er ein Gericht angelogen hatte. Übrigens ebenso im Zusammenhang mit Begünstigungen für einen privaten Partner auf Firmenkosten, wie sie auch dem Weltbank-Chef Wolfowitz vorgeworfen werden. Nur hat dieser keinen Richter belogen.

Die Moral von der Geschichte? Jeder potenzielle Wohltäter - und hoffentlich nimmt deren Zahl weiter zu -, sollte nicht einem "ethischen" Fonds vertrauen, sondern lieber sein Geld nach streng ökonomischen Kriterien investieren. Denn allzu oft ist "Ethik" ein bloßer PR-Schmäh, um Investoren mit kaum überprüfbaren Versprechungen anzulocken, um als Firmenchef auf deren Kosten gut dazustehen, oder gar um sich durch Schutzgeld-Zahlungen von den Erpressungen angeblich sozialer oder ökologischer NGOs freizukaufen. Erst mit dem durch eine Geldanlage erzielten Gewinn kann man sinnvoll und effizient Gutes tun - nein: viel Gutes tun. Wobei man sich freilich ebenfalls sehr gut anschauen sollte, welcher Organisation man spendet. Es ist nicht immer der beim Guttun am effizientesten und ehrlichsten, der viel darüber redet, oder der gar Politik mit Nächstenliebe verwechselt.

Im Hinblick auf die vielen ach so ethisch auftretenden Firmen wäre dem ethischen Zustand der Welt schon geholfen, wenn diese bloß alle Gesetze einhielten. Das wär‘ in Wahrheit viel mehr als alle ethische Rhetorik.

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