Wahlverhalten 2006: Nicht Personen, sondern Themen waren entscheidend

Plasser und Ulram präsentieren neues Wahlbuch "Wechselwahlen. Analysen zur Nationalratswahl 2006"

Wien (OTS) - Innerhalb einer Generationsspanne hat sich das österreichische Wahlverhalten völlig neu strukturiert und hat sich ein "offener", hochmobiler und unberechenbarer Wählermarkt herausgebildet, erläuterten die Politikwissenschaftler Fritz Plasser und Peter Ulram bei der heutigen Präsentation ihres neuen Wahlbuches "Wechselwahlen. Analysen zur Nationalratswahl 2006". Wechselten 1975 nur 3 Prozent der Wählerinnen und Wähler ihr Wahlverhalten, waren es bei der Nationalratswahl 2006 26 Prozent. Legten sich bei der Nationalratswahl 1975 nur 5 Prozent der Wahlberechtigten erst in der Schlussphase des Wahlkampfes definitiv auf eine bestimmte Partei fest, waren 2006 24 Prozent Spätentscheider. 15 Prozent der Wähler und Wählerinnen legten sich nach eigenen Angaben erst wenige Tage vor dem Wahltag auf eine bestimmte Partei fest. Dies war der bislang höchste Anteil an last minute deciders. Er unterstreicht die erhöhte Mobilität und Wechselbereitschaft der österreichischen Wähler wie Bedeutung und Relevanz des massenmedial vermittelten Intensivwahlkampfes für Wahlentscheidung wie Ausgang einer Wahl.

Dies belegen u. a. die tatsächlichen Werbeausgaben der politischen Parteien. Ohne Berücksichtigung von Agenturhonoraren, Produktionskosten der Werbemittel, Ausgaben für Direct Mailings, Telefonanrufkampagnen und Kosten für Wahlkampfevents haben die österreichischen Parlamentsparteien allein für die Schaltung ihrer Werbebotschaften 22 Millionen Euro ausgegeben. Rund 60 Prozent der Werbeausgaben entfallen auf die letzten zwei Wahlkampfwochen.

Waren rund die Hälfte der Werbeaussagen der wahlkämpfenden Parteien im Kern positiv und nur ein Fünftel explizit negativ formuliert, überwogen bei 36 Prozent der massenmedialen Berichte über den Wahlkampf negative Wertungen. Konträr zu öffentlichen Einschätzungen des Wahlkampfes 2006 als "Höhepunkt der Negativität" liegt die negative Tonalität der Wahlkampfberichterstattung 2006 unter den Werten für den Nationalratswahlkampf 1999 (43 Prozent der Beiträge waren negativ wertend). Zugespitzt haben sich hingegen die negativen Wertungen der Spitzenkandidaten. 2006 wurden Schüssel, Gusenbauer und Strache mit einem Anteil von 70 Prozent negativ wertender Beiträge noch schlechter bewertet als Klima, Schüssel und Haider 1999 (63 Prozent negative Wertungen).

Themen und thematische Erwartungen waren für das Wahlverhalten 2006 wichtiger als Kandidaten-Images und der Kanzlerbonus. 47 Prozent der Wähler konnten als vorrangig themenorientierte Wähler klassifiziert werden. Themenorientierten Wählern wird im multivariaten Modell nur eine 25prozentige Wahrscheinlichkeit für die Wahl der ÖVP, hingegen eine mehr als 50prozentige Wahrscheinlichkeit für die Wahl der SPÖ zugestanden. Je mehr thematische Orientierungen und Erwartungen im Vordergrund der Wahlentscheidung standen, umso schwächer waren direkte Persönlichkeitseffekte auf das Wahlverhalten wirksam und umso stärker entkoppelten sich Kanzlerpräferenz und tatsächliche Parteiwahl.

Wenn auch mit zeitlicher Verspätung entsprechen auch die Wechselraten in Österreich mittlerweile den internationalen Wechselwählerraten. In Österreich wechselten 2006 26 Prozent die Partei. In Deutschland waren es 2005 28 Prozent, in Schweden 2006 30 Prozent. Die österreichischen Wähler und Wählerinnen unterscheiden sich nicht mehr wesentlich von denen in fortgeschrittenen, westlichen Demokratien.

Im Rahmen des Buchprojektes analysierte eine MediaWatch-Studie begleitend die journalistische Berichterstattung zum Wahlkampf 2006 (Lengauer, Pallaver & Pig: "Redaktionelle Politikvermittlung in österreichischen Wahlkämpfen, 1999-2006").

Buchinformation:

Fritz Plasser und Peter A. Ulram (Hg.): Wechselwahlen. Analysen zur Nationalratswahl 2006. Wien 2007. facultas.wuv, ISBN 978-3-7089-0016-2, 330 Seiten, 29 Euro.

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