"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein Ehedrama: Kurse steigen, wenn Arbeitnehmer fallen" (Von Adolf Winkler)

Ausgabe 24.04.2007

Graz (OTS) - Die brachiale Logik von Bank-Gewinnsteigerungen hat
der deutsche Autor Rolf Hochhuth auf eine einfache Formel gebracht:
"Aktien steigen, wenn Arbeitnehmer fallen." Sie übertitelt den letzten Akt in Hochhuths Stück "McKinsey kommt", an dessen Ende ein ernüchternder Monolog über Arbeitslosigkeit steht: "Europa hat mehr Stempler, als Spanien Einwohner hat."

Doch was ist eine McKinseyBeratung bei der Deutschen Bank gegen die Fusion zweier noch größerer Banken? Die Dramaturgie Hochhuths verblasst vor der schrillen Szenerie, mit der gestern die größte Bank-Verlobung aller Zeiten annonciert wurde. Mit Händedruck sprachen die Chefs der britischen Barclays und der niederländischen ABN Amro von einem "Traum-Paar".

Der Riese, der durch die Banken-Ehe entstehen soll, hat tatsächlich albtraumhafte Ausmaße: 47 Millionen Kunden, 220.000 Mitarbeiter, 140 Millionen Euro Börsewert. Rekordausmaße hat aber auch die damit einhergehende Vernichtung von Humankapital: 23.600 Arbeitsplätze wandern in den Abortus der Globalisierung.

Die Globalisierung erzeugt einen Sog nach Größe. Das Finanzgenie George Soros hat dies in seiner "Alchemie der Finanzen" einfach erklärt: Konzerne mit hoch bewerteten Aktien verwenden diese für den Kauf anderer Firmen, deren Aktien zu einem niedrigeren Kurs-Gewinn-Verhältnis veräußert werden, was zu höheren Erträgen pro Aktie führte. Um dieses Karussell in Gang zu halten, müssen die Erwerbungen immer größer werden.

Ein Ergebnis davon rechnet der Globalisierungs-Gegner Jean Ziegler in seinem Buch über "Die neuen Herrscher der Welt" vor: Die 200 mächtigsten multinationalen Gesellschaften kontrollieren 23 Prozent des Welthandels.

Auch Barclays finanziert den ABN Amro-Kauf mit neuen Aktien. Der Druck dazu kam vom Hedgefonds TCI, der seine ABN-Anteile zu niedrig bewertet fand. Sind Jobs gestrichen und Gewinne erhöht, können sich die TCI-Manager mitfreuen. Zufällig kommen 93 der 100 bestverdienenden Börsehändler der Welt von Hedgefonds.

Für Österreichs Banken heißt es, sich warm anzuziehen. Bei der Cerberus-Tochter Bawag genauso wie bei der Erste Bank, die kürzlich von Analysten als unterbewerteter Übernahmekandidat bezeichnet wurde. Selbst die BA-CA, die als italienische Übernahmebeute gerade mit hunderten Jobs büßt, muss weiter bangen: Ihre Mutter UniCredit und die französische Societe Generale haben gegenseitig Appetit - gemäß der Globalisierungs-Logik fressen oder gefressen werden. ****

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