"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Ruhm und Chaos" (Von Floo Weissmann)

Ausgabe vom 24. April 2007

Innsbruck (OTS) - Boris Jelzin ist ein seltenes Kunststück gelungen: Er hat in nur einem Jahrzehnt sein Land und die Welt radikal verändert. Selbst seine erbittertsten Kritiker müssen zugestehen, dass er es war, der die Gunst der Stunde genutzt und das frühere "Imperium des Bösen" (Ronald Reagan über die Sowjetunion) gesprengt hat. Russland, Europa und die Welt sähen heute anders aus, wäre Jelzin nicht in jener Nacht 1991 auf einen Panzer vor dem Weißen Haus gesprungen und hätte sich zum Führer der Demokraten und der Reformer in Moskau stilisiert.

Für seine Rolle beim Ende der kommunistischen Herrschaft wurde Jelzin vor allem im Westen viel zu lange bejubelt und umarmt. Er galt als der Garant für das Ende der Bedrohung, politische Aussöhnung und wirtschaftliche Chancen - kurz: Er war das Gesicht des geläuterten Ostblocks, das etwas schrullige, aber insgesamt liebenswerte Gegenüber, das man sich jahrzehntelang gewünscht hatte. Also übersahen die Regierungen von Berlin bis Washington geflissentlich die katastrophalen Fehler seiner Politik und die wachsenden Probleme der russischen Gesellschaft.

Tatsächlich steht die heutige Bilanz von Jelzins Wirken in scharfem Kontrast zu seiner einstigen Beliebtheit. Seine Ho-Ruck-Politik war auf Machterhalt angelegt. Er liebte den Paukenschlag, die Show, das Lob aus dem Westen. Was er nicht liebte, war die behutsame Führung eines Riesenreichs von der Planwirtschaft in den Kapitalismus, von der Herrschaft der Parteielite zur politischen Mitgestaltung der Bürger. In seiner Ära kamen die Oligarchen auf dubiose Weise zu Milliarden, während es dem Großteil der Russen immer schlechter ging. Nicht zu vergessen der Tschetschenien-Krieg, mit dem Jelzin auf die nationale Karte setzte.

Das Chaos, das Jelzin hinterlassen hat, dient heute seinem Nachfolger Putin als Vorwand, autoritär zu regieren, weil er das Land mit harter Hand wieder ordnen müsse.

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