WirtschaftsBlatt Kommentar vom 24.4.07 Insiderhandel -Neuland für Österreichs Richter - von Angelika Kramer

Österreich hat keine Tradition beim Insiderhandel

Wien (OTS) - Den Herren war die Erleichterung und Genugtuung ins Gesicht geschrieben. Und das mit gutem Grund! Schliesslich hatten nur die wenigsten Beobachter mit einem Freispruch der Mehrzahl der Bierbarone am vergangenen Freitag gerechnet. Wir erinnern uns: Die Suppe ist so dick, dass der Löffel drinnen stecken bleibt, hat sich Heinrich Traumüller, Chef der Finanzmarktaufsicht (FMA), einst in der Causa weit aus dem Fenster gelehnt. Auch die Staatsanwaltschaft hatte an der Schuld der Braufamilien wegen Insiderhandels wohl kaum Zweifel.
Der zuständige Richter hingegen fackelte nicht lange: Insiderhandel liege bei den elf Angeklagten nicht vor, denn schliesslich sei die Öffentlichkeit von einer eventuellen Übernahme der Brau Union/BBAG informiert gewesen. Also keinerlei Informationsvorsprung der Eigentümerfamilien und ihrer Angehörigen.
Nun ist es zwar richtig, dass am 23. Jänner 2003 eine Meldung der BBAG an die Öffentlichkeit rausging, dass eine langfristige Kooperation mit einem internationalen Bierkonzern im Bereich des Möglichen läge. Die Rede war von einer strategischen Partnerschaft, von äusserst vagen Plänen einer Allianz. Es wurde aber weder der Name des Käufers Heineken, noch ein möglicher Kaufpreis und auch nicht der Zeitpunkt einer Übernahme genannt. Für Richter Kreuter dennoch genug Informationen, um die Öffentlichkeit in ihrem Wissen mit den Bierbaronen gleichzustellen.
Genauer betrachtet hiesse das aber, dass Insiderhandel bei praktisch jedem zweiten Unternehmen an der Wiener Börse ausgeschlossen wäre, denn von möglicher Übernahme oder einem etwaigen Verkauf wird in dieser vagen Form nahezu überall gesprochen. Ausserdem stellt sich die Frage: Wenn die Öffentlichkeit von der Übernahme ohnehin Bescheid wusste, warum haben dann nicht viel mehr Aktionäre Kapital daraus geschlagen?
Hätte sich die Causa nicht in Österreich, sondern in einem anderen europäischen Land oder gar den USA abgespielt, hätte es diese Freisprüche wahrscheinlich nicht gegeben. Der Grund liegt auf der Hand: Österreich hat leider bzw. Gott sei Dank keine Tradition beim Insiderhandel. Mit Ausnahme des Falles Struzl, wo der damalige Voest-Boss im Zuge eines Mediationsverfahrens weitgehend ungeschoren davonkam, hat die Richterschaft mit derartigen Sachverhalten keinerlei Erfahrung. Es herrscht wohl immer noch die Meinung vor, Insiderhandel sei ein Kavaliersdelikt. Für den Ruf des heimischen Kapitalmarkts nicht unbedingt ein Segen.

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