DER STANDARD-KOMMENTAR "Schul-Achse des Guten" von Lisa Nimmervoll

Ausgabe vom 24.4.2007

Wien (OTS) - "Interessant." So maliziös kommentierte Vizekanzler Wilhelm Molterer die "rot-orange Achse" in der Bildungspolitik - und konnte kaum verhehlen, dass sie zumindest aus Sicht der Bundes-ÖVP, und das ist die entscheidende schwarze Ideologie-Instanz, nur als Achse des Bösen zu verstehen ist. Geht es doch um ein schwarzes Ur-Feindbild: die Gesamtschule.
Ausgerechnet mit Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider schmiedete Bildungsministerin Claudia Schmied eine Allianz zur Realisierung des ersten Schritts in eine groß angelegte Bildungsreform. 2008 sollen in Kärnten die ersten Modellversuche für eine Gesamtschule starten - und das ist in der Tat "interessant". Aus pädagogischen und gesellschaftlichen Gründen, die mittlerweile durch so viele internationale Studien - darunter ist Pisa nur die bekannteste, aber bei Weitem nicht die einzige - belegt sind, dass es fast schon an mutwillige Realitätsverleugnung grenzt, wenn sie von konservativen Politikern noch immer in Abrede gestellt werden.
Die Volkspartei wähnte sich angesichts des Schmied-Haider-Projekts im Schulbereich, an das sich übrigens auch die rot regierten Bundesländern ankoppeln wollen, so prompt wie erwartbar einer "politisch brisanten" Mesalliance zwischen SPÖ und BZÖ gegenüber, noch dazu ausgeheckt "hinter dem Rücken" der ÖVP, wie VP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer meinte. Das Letzte aber, was an der rot-orangen Gesamtschulachse "interessant" ist, ist die politische Farbkombination. Im Übrigen kultivierte die ÖVP seit 2000 durchaus einen Hang zu relativ beliebigen Farbspielereien, wenn sie denn dem Machterhalt dienten. Ein Blau, das auf einmal orange daherkam, tat da nichts zur Sache. Diesen Vorwurf kann man der SPÖ und ihrer Ministerin nicht machen. Also bitte keinen undifferenzierten Tunnelblick auf das punktuelle "Rot-Orange", sondern ein offenes Auge auf das geplante Schulprojekt.
Der Versuch, wenigstens in einzelnen Modellregionen Kinder bis 14 gemeinsam zu unterrichten, hat, wenn er richtig geplant und konsequent weiterentwickelt wird, großes Potenzial für ein besseres und moderneres Schulsystem. Mehr noch. Es ist der Versuch, nach Jahren der bildungspolitischen Stagnation - resultierend aus der absoluten Bewegungsunfähigkeit zwischen SPÖ und ÖVP - eine Schulpolitik anzustoßen, die endlich Anschluss findet an die internationalen Standards für die Reform nationaler Bildungssysteme. Es ist heute unbestritten, dass die frühe Trennung der Kinder mit zehn Jahren in Hauptschüler und Gymnasiasten falsch und kontraproduktiv ist - aus pädagogischen Gründen, aus gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Gründen und, ja, vor allem aus Gerechtigkeitsgründen. Und was bitte sollte eine wichtigere Aufgabe für Politik sein, als gerechtere Lebenschancen zu schaffen? Die Gesamtschulversuche sind ein Anfang für ein besseres Schulsystem. Das wird viel Zeit, noch mehr Planung und einen sehr langen Atem aller Beteiligten brauchen - und eine Entscheidung der ÖVP. Denn mit ihrem Reformunwillen steht sie zwar nicht auf der bösen Seite, aber doch auf der falschen.

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