Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Boris der Große

Wien (OTS) - Boris Jelzin ist von vielen belächelt worden. Alkoholschwangere Auftritte und Krankheiten haben seine Amtszeit im Vergleich zu seinem Vorgänger wie auch seinem Nachfolger in eine recht negative Optik gesetzt. Dennoch war Jelzin die weitaus erfreulichste Figur der gesamten russischen Geschichte. Während Michail Gorbatschow bis zuletzt vom Kommunismus (wenn auch in einer reformierbaren Form) träumte, war Jelzin der einzige wirkliche - noch dazu überzeugte - Demokrat der russischen Geschichte. Unter ihm waren Wahlen das, was man auch bei uns darunter versteht, und nicht eine brutale Farce nach volksdemokratischer oder nach Putin-Art.

Jelzin war nicht nur ein Demokrat, er nahm sogar das Selbstbestimmungsrecht der Völker ernst und entließ die Balten genauso in die Unabhängigkeit wie auch die Georgier oder die Armenier. Auch das war eine für die russische Seele völlig unverständliche Haltung, die seit Jahrhunderten immer nur geglaubt hatte, Expansion, Eroberung und Unterdrückung fremder Völker wären die richtige Basis für die eigene Sicherheit.

Und sie glaubt es im Grund immer noch. Deswegen ist Jelzin auch als ziemlich unpopulärer Mann gestorben. Unpopulär macht ihn aber auch das Chaos seiner Jahre: Er hatte den Provinz-Capos viel zu viel Eigenmächtigkeit erlaubt - was Putin als erstes abstellte. Er hatte die Privatisierungen nicht in einer wirklich untadeligen Form abwickeln können - was es Putin leicht macht, sie wieder zurückzunehmen. Und er hatte es (nach den Jahren des kommunistischen Terrors) nicht geschafft, zu den einstigen Vasallenvölkern ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen - worauf Putin diesen wieder die Daumenschrauben anzieht.
Vielleicht aber musste das mutige Experiment Jelzin notwendigerweise scheitern. Vielleicht ist die russische Bürgergesellschaft immer noch nicht reif für Rechtsstaat und Demokratie. In einem hatte Jelzin aber einfach nur Pech: Wäre zu seiner Zeit der Öl- und Gaspreis schon in so lichte Höhen gestiegen wie jetzt unter Putin, dann hätte er viel bessere Chancen auf einen dauerhaften Erfolg gehabt. So aber gilt sein Experiment vielen Russen als gescheitert. Es bleibt dennoch eine der wirklichen Sternstunden der europäischen Geschichte.

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