Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Wilhelm der Beladene

Wien (OTS) - Selten zuvor ist jemand so unangefochten ÖVP-Obmann geworden, wie es nun Wilhelm Molterer werden wird. Selten auch war aber das Erbe so schwer, das ein neuer ÖVP-Obmann anzutreten hat.

Schwer wiegt das Gewicht seiner Vorgänger; zugleich fehlt ihm der Auftrieb durch den Kanzlerbonus. Diesen nutzt ja Alfred Gusenbauer trotz aller Hoppalas der letzten Monate recht gezielt aus, indem er sich in einem Rollentausch mit dem Bundespräsidenten weit weg von der SPÖ positioniert.

Auch wenn man Zweifel hat, ob ihm das gelingt - der ÖVP fehlt jedenfalls das Gegengewicht. Sie hat Präsident und Kanzler verloren. Sie stellt nur noch durch vier Landeshauptleute irgendwo die Nummer eins; diese aber schauen allesamt mehr auf die eigene Profilierung als auf die Partei. Ihr fehlt der Brain trust früherer Zeiten, seit die Wirtschaftskammer total abgespeckt hat. Der CV ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Katholische Aktion und die Caritas sind schwer linkslastig geworden. Auch der ORF ist so links wie nie zuvor (wenngleich mehr grün als rot), die Privatsender waren es von Anfang an. Die drei politischen Wochenzeitungen sind deutschnational, grün beziehungsweise linkskatholisch; und die Nachrichtenmagazine sind alle linksliberal-zeitgeistig. Der mediale Linkstrend ist die Folge bürgerlicher Ignoranz und kein Naturgesetz; etwa die deutschen TV-Sender und Magazine sind ganz im Gegenteil liberalkonservativ geworden. Die gleiche Diskrepanz zu Deutschland gibt es übrigens auch an allen ideologisch relevanten Universitätsinstituten.

In dieser geistigen Landschaft muss Molterer erstens die Nachfolge Wolfgang Schüssels antreten, des neben Raab und Kreisky bedeutendsten Kanzlers der Republik und Ein-Mann-Zentralhirns seiner Partei. Und zweitens beerbt er in Personalunion Karl-Heinz Grasser, den - trotz aller Unreife und allem Hang zu Exzessen - besten politischen Kommunikator seit langem. Zugleich ist Molterer von Parteisekretären, Ministerinnen und Landes-Capos umgeben, die - mangels jedes geistigen Unterbaus - allmorgendlich würfeln, mit welchen schrägen Sagern sie einen Tag lang auf Kosten ihrer Partei Schlagzeilen machen wollen. Man kann verstehen, dass Molterer eine Zeit lang gezögert hat, diesen Haufen allein führen zu müssen.

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