"KURIER"-Kommentar von Andreas Schwarz: "Vom Besserwissen zum Besser-Machen"

Einzige Chance der ÖVP: Molterer muss die verklärte Schüssel-Ära beenden.

Wien (OTS) - Es ist schon eine Ära, die da heute endet: Nach 12 Jahren gibt Wolfgang Schüssel auf dem Parteitag in Salzburg das Amt des ÖVP-Obmannes endgültig ab. Der gelernte Parteifunktionär war der längstdienende Parteichef in der Geschichte der Volkspartei, hat sie nach Jahrzehnten des Darbens wieder zur Nummer eins gemacht -zumindest für vier Jahre - und wird seinen Ehrenplatz in der Ahnengalerie erhalten.
Jetzt übernimmt Wilhelm Molterer. Das kann im Idealfall eine Zäsur sein, im schlechteren Fall eine Fortsetzung des Schüssel-Weges.
Ein Widerspruch, wo der Weg doch so erfolgreich war? Mitnichten. Schüssel hat die zerstrittene Partei ab 1995 mit starker Hand geführt. Das war notwendig. Die Eifersüchteleien der Bünde, das übertriebene Selbstbewusstsein der Länderfürsten, die selbstzerstörerischen Obmanndebatten hatten die Partei über ein Vierteljahrhundert in der Rolle des Zweiten gelähmt. Schüssel riss mit seinem Intellekt, seiner Mission und seiner Führungshärte das Ruder herum.
Geliebt hat ihn die Partei dafür trotzdem nie. Vielleicht auch, weil sie wusste, dass der Erfolg nicht ein Verdienst des Schüssel’schen Charismas oder seiner Parteipolitik war. Mit dem schlechtesten VP-Ergebnis aller Zeiten machte er sich 2000 zum Kanzler. Und nur durch das Zerbröseln der FPÖ (und dank seines taktischen Geschicks) führte Schüssel die ÖVP drei Jahre später auf Platz eins.
Vier Jahre später reichten Taktik und Glück nicht mehr. Und der Austern-Kurs Wolfgang Schüssels, die penetrante "Wir-wissen-es-besser"-Attitüde verspielte beim Wähler alle Sympathie - aus einer wirtschaftlich und politisch bestechend guten Ausgangslage produzierte er ein Wahlminus von acht Prozentpunkten. Molterer hat die Chance, es anders zu machen. Er hat freilich auch den Startnachteil, als Schüssels Adjutant geprägt worden zu sein. Die stramm ausgerichtete, nach innen gekehrte Partei braucht eine Durchlüftung. Ein Öffnung im Geist und in manchen Positionen. Die bürgerliche Klientel, die sie bedient, ist nicht automatisch eine stockkonservative.
Die Personen für so eine Öffnung hat sie an Bord, Josef Pröll, Andrea Kdolsky, Johannes Hahn - ja vielleicht sogar Wilhelm Molterer. Er hat sich schon einmal vom munteren Minister zum strengen Schüssel-Parteisoldaten gewandelt. Das ginge ja auch umgekehrt. Theoretisch.
Das Problem beim Öffnen ist das Wohin? Die Partei muss moderner werden, ohne jenen erzkonservativen Wählerkern zu verprellen und nach rechts zu verlieren, der auch ein paar Prozent ausmacht. Das gleicht - vor allem, wenn man dabei glaubwürdig sein will - der Quadratur des Kreises.
Dennoch: Molterer hat nicht nur die Chance, die Ära Schüssel, die heute in Salzburg völlig kritikfrei besungen werden wird, als System zu beenden; er muss es tun - sonst hat die ÖVP, wenn ihr politischer Gegner nicht gerade schwächelt, auf lange Zeit keine Chance.

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