"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum auch Doppelmoral kein Grund ist, Unmoral zu dulden" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 17.04.2007

Graz (OTS) - Man man darf es einäugig nennen, wenn Bundeskanzler Alfred Gusenbauer in der Ära seines Vorgängers Wolfgang Schüssel eine "Verlotterung der Sitten" und nunmehr "Nachholbedarf in Sachen Anstand" konstatierte. So, als hätte es rote Skandale wie jene ums AKH, um den
Club 45 oder um diverse SP-Minister nicht gegeben. So, als sei die Bawag ein Sparverein gewesen, der mit dem Kassier ein bisserl Pech gehabt hat.

Verständlich ist das zum einen aus der Eigeneinschätzung aller Machthabenden als moralische Letztinstanz. Zumal er vermutlich (auch aus früherem Mangel an Einfluss) persönlich eine helle Weste hat, eröffnet sich für Gusenbauer hiebei aber auch ein interessanter Nebenpfad zum Selbstdesign: Der einst etwas tapsige Apparatschik aus Ybbs könnte über die Station als reiner Tor in die Position der moralischen Lichtgestalt gelangen. Ist doch irgendwie verlockend.

In einem hat Gusenbauer objektiv Recht, auch wenn er keine Namen nannte. Wenn nach Grillparzer "Moral ein Maulkorb des Willens" ist, so laufen derzeit einige in diesem Land ohne einen solchen herum.

Ihr Idol mag der ehemalige Finanzminister sein, der mehrfach vorführte, dass man Erklärungsbedarf überwindet, indem man ihn offensiv ignoriert. Indem man charmant-forsches Auftreten angemaßter Büßermiene vorzieht. Er hat das Sensorium dafür, was in Ordnung ist, und was nicht abgestumpft.

Er hat vielleicht den Weg dafür mitgeebnet, dass kleine Werbeagentinnen für ein halbes Jahr Arbeit 3,2 Millionen Euro als Honorar deklarieren können. Dass Airchief-Gemahlinnen mit 87.000 Euro, je nach Lesart belehnt oder beschenkt wurden. Dass ehemalige Kommunikationschefs ehemaliger Regierungsparteien in angeblich korrekter Honorarverbindung mit Rüstungskonzernen stehen. Dass derselbe Konzern in Sponsorverbindung mit einem SP-nahen Fußballklub stehen soll. Und dass man mit all dem halbwegs davonkommt, ohne dass die\ Staatsanwaltschaft Sonderschichten einlegen würde, um Verdacht und Beweis zu trennen.

Korruption ist bekanntlich die Autobahn neben dem Dienstweg ((C) Helmut Nahr). Und Moral ist in der Politik eine durchaus zweifelhafte Kategorie. Unter ihrem Banner wurden scheußliche Verbrechen begangen. Und die publizistische Schatzkiste des Zynismus müsste ohne sie Konkurs anmelden.

Aber es gibt, zumindest bei sozial intakten Menschen, ein Gefühl dafür, was diese Moral sein könnte. Wenn selbige mit Füßen getreten wird, sollte man sie heftig verteidigen. ****

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