"Kleine Zeitung" Kommentar: "Kein Verlass auf den Tod" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 08.04.2007

Graz (OTS) - "Tot sein ist doof" schrieb die Malerin Helga
Schaefer Matyi in großen Blockbuchstaben auf ihr letztes Bild. Das ist die Sprache von Sprayern und Comics, einfach und klar. Ein Skandal sei es, fand auch Elias Canetti, dass der Mensch sterben müsse. Immer wieder klagte der Schriftsteller über das Unvermeidliche, obwohl er all die Schreckensgeschichten kannte von Menschen, die nicht sterben dürfen: Ahasver, Chamissos Schlemihl, Wagners Amfortas.

Nicht sterben können ist ein Fluch, sterben müssen auch, sagt die Bibel: eine Strafe für den Sündenfall. Dass Gott sich dem aussetzt, damit hatten Christen schon immer ihre liebe Not. Sie schufen Kruzifixe, an denen ein königlich gekleideter Auferstandener hängt, im Moment des skandalösen Todes schon weit über das Leiden hinaus. Frühe Theologenschulen dachten Jesus als Gott, der die sterbliche Menschennatur nur übergestreift habe wie ein Kostüm. Mel Gibsons Film "Die Passion Christi" illustriert das. Halb tot gegeißelt beschließt der Supermann Jesus, seinen geschundenen Leib noch einmal zu erheben und eine Runde weiter zu leiden, weil es so im Script steht. Der Skandal der Ermordung eines bis dahin unantastbar fernen Gottes durch Menschen ist so ebenso wegretuschiert wie die Wucht der Überwindung des Todes.

Unsere traditionellen Osterbräuche haben sich auch schön um den Ernstfall Ostern herumgemogelt. Mit der Fleischweihe kann die Auferstehung des Fleisches kaum mithalten. In prallvollen Körben liegen am Karsamstag Tonnen von Schinken zur sakralen Lebensmittelverbesserung aus. Am Sonntag hopsen dann Hasen, rastlos nach Vermehrungschancen schnüffelnde Fruchtbarkeitssymbole, durch die frühlingsfrischen Gärten und verteilen Eier. Es sind Sinnbilder für die Geschichte als Zyklus, als Stirb und Werde, als ewige Wiederkehr des Gelichen, nicht von Einmaligkeit und Erlösung.

Die Auferstehung ist als Skandal nicht kleiner als der Tod. "Es wäre schrecklich, wenn die Toten wiederkämen", sagt schockiert Herodes in Oscar Wildes Salome. Jünger Jesu hatten ihm berichtet, dass ihr Rabbi Tote zum Leben erwecke. "Ich verbiete ihm, das zu tun", erwidert der Despot. Dostojewskis Großinquisator im Roman "Die Brüder Karamasow" lässt Jesus verhaften, als er im mittelalterlichen Sevilla auftaucht und Tote erweckt. "Warum bist du gekommen, uns zu stören?" fragt der Greis.

Wenn die Toten wiederkommen, gerät die Ordnung der Lebenden durcheinander. Totale Herrschaft beruht auf der Verlässlichkeit des Todes. Die Auferstehung bricht sie. Deshalb ist Ostern gefährlich -und befreiend. ****

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