Bünker: "Es geht nicht um eine Wiederbelebung des christlichen Abendlandes"

"Im Journal zu Gast" - Der lutherische Oberkirchenrat zur Zukunft Europas, zu den Aufgaben der Kirchen und zur Situation der Ökumene

Wien (epdÖ) - Für Europa gehe es nicht um eine Wiederbelebung des christlichen Abendlandes vor der Aufklärung, sondern um eine Neugestaltung der Zukunft. Dabei sei für die Kirchen eine positive Haltung zu Säkularismus und Weltlichkeit wichtig. Das erklärte der lutherische Oberkirchenrat Hon.-Prof. Dr. Michael Bünker am Karsamstag, dem 7. April, in einem Interview in der ORF-Hörfunksendung "Im Journal zu Gast" zur Diskussion nach einem Bezug auf die christliche Tradition Europas in der Präambel eines EU-Verfassungsvertrages. Basis der gesellschaftlichen Verantwortung der Kirchen sind, so Bünker, die Menschenrechte: "Menschen müssen so leben können, wie es ihrer gottgegebenen Würde entspricht." Die evangelischen Kirchen treten daher auch für die Gleichbehandlung homosexueller Partnerschaften ein.

Zur allgemeinen Situation der Kirchen stellte der Oberkirchenrat fest, obwohl die christlichen Feste zunehmend kommerzialisiert würden, nehme der Gottesdienstbesuch zu. Bünker räumte ein, die Kirchen hätten sich in letzter Zeit zu wenig auf das konzentriert, "wozu sie eigentlich da sind", etwa auf die Osterbotschaft. Vom Zentralen seien jedoch die Konsequenzen in den politischen und sozialen Bereich zu ziehen. In diesem Zusammenhang nannte Bünker als kirchliche Aufgaben die Armutsbekämpfung innerhalb der EU, "aber auch mit der derzeitigen Situation der Zuwanderung in Österreich können wir nicht zufrieden sein".

Bünker hält Angst vor einem Anwachsen des Islam für unbegründet: "Die kulturelle Substanz Europas ist stark genug." Über die Geltung der Menschenrechte sei mit dem Islam ein Dialog zu führen. Der Oberkirchenrat verwies darauf, dass sich in Österreich die Islamische Glaubensgemeinschaft zu den Menschenrechten bekannt habe.

Zur Frage eines Beitritts der Türkei zur EU erklärte Bünker in dem Interview, dass die zwischen der EU und der Türkei getroffenen Vereinbarungen einzuhalten seien. "Wir gehen davon aus, dass das von beiden Seiten auch geschieht", sagte Bünker.

Ökumene: Unterschiede werden deutlicher

Im Blick auf das Verhältnis zwischen der christlichen Kirchen hob Bünker, der auch Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ist, die gute ökumenische Situation in Österreich hervor. Es würden jedoch insgesamt zunehmend Unterschiede in den Auffassungen deutlich, insbesondere im Kirchenverständnis. Auch wenn der Papst in seinen Äußerungen das römisch-katholische Kirchenverständnis formuliere, gelte für die Kirchen der Reformation:
"Wir wissen, dass wir die Kirche Jesu Christi sind so gut wie Rom, Konstantinopel oder Cambridge." Fortschritte seien "schwierig", in manchen Bereichen sei die evangelische Seite "enttäuscht" worden, so auch in der Abendmahlsfrage. Bünker: "Wir sind beim Abendmahl offen. Das entspricht auch den neutestamentlichen Grundlagen."

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