"DER STANDARD"-Kommentar: "Das Ende einer Welt AG" von Birgit Baumann

Nach einer Trennung von Chrysler kann sich Daimler auf eigene Stärken besinnen - Ausgabe vom 5.4.2007

Wien (OTS) - Jürgen Schrempp war am Mittwoch vermutlich in ganz schlechter Stimmung. Kein Wunder, war doch sein Nachfolger, DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche, bei der Hauptversammlung in Berlin einen entscheidenden Schritt Richtung Scheidungsrichter gegangen. Jawohl, wir führen Gespräche mit potenziellen Partnern für einen Verkauf der chronisch defizitären US-Sparte Chrysler, bekundete Zetsche zum ersten Mal.
Damit war für viele Analysten in Deutschland klar:Die von Schrempp 1998 nach eigenen Angaben "im Himmel" geschlossene Ehe zwischen Daimler und Chrysler ist nur noch auf dem Papier gültig. Schrempps großartige Vision von der "Welt AG", vom Zusammenschluss deutscher Wertarbeit und amerikanischer Masse, ist gescheitert. Und mit dieser Ankündigung hat Zetsche den "point of no return" überschritten. Wer sagt, dass er verkaufen will, wird auch verkaufen.
Viele haben diesen Größenwahn von Anfang an als Experiment mit ungewissem Ausgang verdammt, während Befürworter all die Jahre darauf verwiesen, dass es in der Automobilbranche sehr wohl Verbindungen zwischen Premium- und Volksmarken gibt, die funktionieren: Man denke an Toyota und Lexus oder an VW und Porsche.
Doch bei Daimler und Chrysler zeigte sich, dass Größe alleine kein Erfolgsgarant ist. Wer fusioniert, will Synergien schaffen - und das gelang den Schwaben und den Amerikanern in all den Jahren nicht. Statt eine schlagkräftige Einheit zu bilden, funktionierten die beiden Systeme und Kulturen nebeneinander her.
Bitter für Zetsche, dass nun ausgerechnet er die Reißleine ziehen muss - schließlich wurde er im Jahr 2000 von Schrempp geholt, um die überteuerte US-Tochter Chrysler zu sanieren, was Zetsche gründlich tat. Seinem Rotstift fielen sechs Werke und 26.000 Jobs zum Opfer. Doch letztendlich schaffte auch Zetsche den Turnaround nicht. Zwar gelingt Chrysler 2005 die Fahrt aus den roten Zahlen, doch im Jahr 2006 muss der Konzern seine Gewinnerwartung wegen der erneut hohen Verluste nach unten schrauben. Getrieben, sich wieder auf die eigenen Stärken bei Mercedes zu konzentrieren, wird Zetsche nun von den Aktionären. Schon im Februar, als er zum ersten Mal die Verkaufsoption andeutete, feierte die Börse dies mit einem Kurssprung. Seither ist der Wert der Aktie um 15 Prozent gestiegen. Getrieben wird Zetsche aber auch von den potenziellen Interessenten -wobei es nicht einer gewissen Pikanterie entbehrt, dass der neue Bawag-Eigentümer Cerberus den ehemaligen DaimlerChrysler-Manager und Ex-VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard angeheuert hat. Zetsche weiß:
Wenn er weiterhin Milliarden im Chrysler-Grab versenkt, anstatt dieses zu verkaufen, könnte am Ende der ganze Konzern von Investoren geschluckt werden - zumal DaimlerChrysler nicht mehr unter der schützenden Hand der Deutschen Bank steht. Und dass man sich von einer ausländischen Beteiligung auch ohne gröberen Imageschaden wieder trennen kann, zeigt das Beispiel BMW: Der bayerische Autobauer entledigte sich im Jahr 2000 der sechs Jahre zuvor erworbenen defizitären britischen Tochter Rover und fährt heute wieder auf der Überholspur.
Zu viele Milliarden haben die Stuttgarter in den vergangenen Jahren über den Atlantik nach Auburn Hills geschaufelt, die Cashcow Mercedes hat Chrysler so lange durchgefüttert, bis sie eines Tages plötzlich selbst schwächelte und Kunden wie Aktionäre mit Rückrufaktionen wegen Qualitätsmängeln schockte.
Zwar ist diese Phase überwunden, doch die Kritik derer, die die vielen Chrysler-Milliarden lieber in die Entwicklung umweltfreundlicher Technologien für Mercedes gesteckt hätten, ist so laut geworden, dass Zetsche sie nicht mehr überhören kann. Denn dass die anderen deutschen Autokonzerne auch noch an Hybridfahrzeugen basteln und nicht wie Toyota schon damit herumfahren, kann für einen Qualitätskonzern wie Daimler kein Trost sein.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001