Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Sackgasse Universität

Wien (OTS) - Der Wissenschaftssprecher der Grünen heißt Kurt Grünewald und er ist meistens traurig. Diesmal ist er es, weil in Österreich zum Unterschied von einigen anderen Ländern Pfleger und Krankenschwestern keine akademische Ausbildung erhalten.

In welcher Traumwelt lebt der Mann? Glaubt er wirklich, dass dann mehr Menschen Kranke und Behinderte rund um die Uhr in einem oft frustrierenden Dienst pflegen wollen, wenn sie vorher jahrelang studieren mussten?

Es ist einfach ein Trugschluss, wenn man Zukunftschancen an Akademikerquoten messen will. Kindergärtnerinnen werden nicht tüchtiger, wenn sie Jahre an einer Uni verbracht haben. Österreich hat zwar Mangel an qualifizierten Arbeitskräften - dies jedoch durchwegs in nicht-akademischen Berufen. Es geht um Facharbeiter und nicht um Germanisten und Historiker; es geht um Programmierer und nicht um Politologen, Psychologen und Publizisten. Diesen winkt oft ein frustrierender Abstieg. Wer‘s nicht glaubt, schaue sich einmal die eingesandten Lebensläufe an, wenn etwa eine Sekretärin gesucht wird. Da wimmelt es von Postgraduates, Doppelstudien und jahrelanger Jobsuche.

Was wir jedoch brauchen, sind objektive Qualitäts-Maßstäbe für die Schulen; sind praxisorientierte Ausbildungen wie AHS+Lehre; sind mehr Schulabschlüsse zwischen dem 15. und 19. Lebensjahr, die nicht nur den einzigen Zweck haben, den Zutritt zur Universität zu erkaufen.

Noch wichtiger wären aber Bereitschaft und Möglichkeit, im Leben nicht nur eine, sondern zwei oder drei Ausbildungen zu absolvieren. Derzeit kann man zwar in der Jugend gratis und jahrzehntelang zum eigenen Genuss lernen, was man will. In der Mitte des Lebens jedoch wird das Lernen plötzlich teuer. Niemand kann aber wissen, ob auch noch in 20 Jahren die Fräser und Schweißer, an denen heute Bedarf besteht, gebraucht werden. Umlernen müsste dann ganz normal sein. In Österreichs Arbeitsrecht ist es hingegen den vielen Setzern und Metteuren, die einst wegen der Elektronik (und überhöhter Kollektivverträge) arbeitslos geworden sind, "unzumutbar", noch einmal neu anfangen zu müssen, statt seither vom Wohlfahrtsstaat zu leben. Darüber freilich war Herr Grünewald noch nie traurig.

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