"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Budgetdebatte mit Bildungslücken"

Der Wirtschaft fehlen Fachkräfte: In der Schule wird zu wenig fürs Leben gelernt.

Wien (OTS) - Mindestens 24.000 Fachkräfte fehlen den 90.000 heimischen Gewerbe- und Handwerksbetrieben; Facharbeitermangel ist eines der Hauptprobleme der kleinen und mittleren Unternehmen; 27 Prozent der Firmen suchen zumindest einen Facharbeiter: Diese Botschaften überbrachte am Freitag der Wirtschaftskämmerer Georg Toifl bei einer Pressekonferenz.
Zeitgleich ging es im Nationalrat um den Staatshaushalt. Bildung und Arbeitsmarkt waren zentrale Themen. Grünen-Professor Van der Bellen hielt eine flammende Rede zu den Bildungsausgaben, die seiner Meinung nach zu niedrig sind. Die Regierungsparteien wiederum lobten die einschlägigen Investitionen.
Tatsache ist, dass bei Erziehung und Unterricht der Anteil der Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt sinkt. 1997 wurden dafür 2,68 Prozent des BIP ausgegeben, 2004 waren es 2,45, heuer werden es 2,44 und 2008 nur mehr 2,37 Prozent sein.
Im Grunde geht es aber gar nicht um ein bisschen mehr oder weniger. Die Hauptfrage ist, was mit dem vorhandenen Geld geschieht. Da hatte die Nationalratsdebatte eine Bildungslücke. Denn statt über Klassenräume und Lehrerzahlen zu streiten, sollte man fragen, was die Schülerinnen und Schüler fürs Leben lernen. Verantwortlich für den Facharbeitermangel ist laut der Wirtschaftskammer u. a. die schlechte Ausbildung in den Grundschulen. Für Handwerk und Gewerbe seien viele Schulabgänger schlicht nicht qualifiziert.

"Wennst nix taugst" Bei einem "Befriedigend" in Mathematik sollten die Grundrechnungsarten beherrscht werden. Das ist für eine Lehrstelle wichtig. Über solche Leistungsanforderungen wurde aber in den vergangenen Jahren kaum geredet. Die Auszubildenden waren einem Wechselbad ausgesetzt. Um Mitarbeiter zu bekommen, versprachen die Unternehmen kühn "Karriere mit Lehre"; der Volksmund wiederum sagte: "Wennst in der Schul nix taugst, wirst in die Lehr gschickt". Es ist ein Versäumnis der Bildungs-Debatte, dass sie sich auf die Höheren Schulen und die Universitäten konzentriert. Die Ursache ist der Bildungshintergrund jener, die da diskutieren: Der Diskurs wird von Leuten mit Matura oder Uni-Abschluss bestimmt. Über die Grundschulen gibt es nur Halbwissen und Vorurteile.
Dabei arbeiten an den Pflichtschulen viele Lehrkräfte mit Engagement, aber unter miserablen Bedingungen. In zu großen Klassen sollen schlecht motivierte Schüler aufs Berufsleben vorbereitet werden. Die Schulpartnerschaft, die das Gesetz vorsieht, ist oft Illusion; zahlreiche Eltern sind nicht gewillt, ihre Aufgaben in- und außerhalb der Schule wahrzunehmen.
Kinder aus armen Familien und aus Migrantenfamilien haben überdurchschnittlich oft keinen Zugang zu höherer Bildung. Individuelle Förderung gibt es kaum. Die Nachteile fürs Berufsleben sind damit programmiert.
Wer hier etwas verbessern will, muss sich der zentralen Herausforderung stellen: Jede Schülerin und jeden Schüler in jeder Schulform zu fördern.

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