"Die Presse" Leitartikel: Klingt irgendwie nach Verstaatlichtenblues von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 30.03.2007

Wien (OTS) - Dass Voestalpine Böhler-Uddeholm übernimmt, ist vielleicht klug. Was Politiker dazu sagen, sicher nicht.

Das Märchen, das man sich in fünfzig Jahren unter Parteisekretären, Boulevardzeitungsherausgebern und sonstigen Bildungskatastrophenopfern erzählen wird, geht so: Kurz bevor die todbringenden Heuschreckenschwärme des internationalen Kapitalmarktes über die wehrlosen Gänseblümchenwiesen von Böhler-Uddeholm herfallen konnten, öffnete jemand - ein guter Geist, der Deus ex Machina, der Demiurg, weiß der Teufel - die rot-weiß-rote Dose mit den schweren Insektiziden: Voestalpine-Duft breitete sich über der österreichischen Industrielandschaft aus, die Heuschrecken fielen tot zu Boden, und alles wurde gut.
Vielleicht wird ja auch alles gut: Auf den ersten Blick gibt es zumindest zwei gute Argumente für das Zusammengehen von Voestalpine und Böhler-Uddeholm. Industriepolitisch ist ein - im Unterschied zur Fries-Gruppe - strategischer österreichischer Kernaktionär durchaus wünschenswert. Und gemeinsam haben die beiden Unternehmen eine Größe, die feindliche Übernahmen erschweren sollte. Einerseits. Andererseits kommen die beiden in eine Dimension, in der sie auch für die ganz Großen als Mitbewerber wahrnehmbar - und damit erst recht wieder ein mögliches Übernahmeziel - werden.
Auf den zweiten Blick sieht die Sache schon deutlich weniger rosarot aus: Alles deutet darauf hin, dass die Entscheidung der Voestalpine, die Mehrheitsanteile an Böhler-Uddeholm zu erwerben, nicht das Ergebnis langfristiger strategischer Planungen, sondern die Reaktion auf kurzfristige politische Interessen ist. Auch die Voestalpine verdankt ihre gegenwärtige Eigentümerstruktur ja ausschließlich dem politischen Kasperltheater, das im Vorfeld der letzten oberösterreichischen Landtagswahlen aufgeführt wurde. Politik und staatsnahe Banken- und Versicherungswelt nutzten die Chance, sich als Beschützer der heimischen Unternehmenswelt vor ausländischen Heuschrecken, Haien und sonstigen Ungeheuern zu produzieren.

Die Voestalpine ist trotzdem ein erfolgreiches Unternehmen. Man darf also hoffen, dass auch Böhler - trotz, nicht wegen der Rettungsaktion - erfolgreich bleibt. Das wäre es auch unter der Eigentümerschaft einer Fondsgesellschaft geblieben, die sich, wie sich jetzt zeigt, in ihren ökonomischen Interessen von der Fries-Gruppe um nichts unterscheidet. Im Gegenteil: Die "ausländischen Heuschrecken", als die übrigens all die bejubelten Stars des ATX in den ostmitteleuropäischen Nachbarländern agieren, hätten sich schon ziemlich rabiat aufführen müssen, um bei einem allfälligen Exit nach fünf bis sieben Jahren einen so saftigen Schnitt zu machen wie der bisherige "Kernaktionär". Ob ein als Aktiengesellschaft figurierendes Unternehmen Überlebenschancen hat, hängt Gott sei Dank mehr von der Kompetenz des Managements ab als von der moralischen Verfasstheit der Eigentümer.
Wirklich gefährlich für ein Unternehmen sind eigentlich nur die moralisch besonders wertvollen Eigentümer, die nicht nach wirtschaftlichen, sondern nach angeblichen oder tatsächlichen nationalen, ideologischen oder sonstigen Interessen handeln. Und das ist das Hauptproblem des Voestalpine-Böhler-Deals: Die Begleitmusik klingt verdammt stark nach dem Verstaatlichtenblues, der uns ziemlich schmerzlich als schrille Begräbnismusik eines sozialdemokratischen Großkotz-Wirtschaftspatriotismus in Erinnerung ist.

Die politischen Äußerungen während der laufenden Übernahmespekulationen zeigen, dass dieser Blues bei den Nostalgikern seine Ohrwurmqualitäten nicht verloren hat: Josef Kalina, SPÖ-Bundesgeschäftsführer und Kommunikationsberater so erfolgreicher Wirtschaftslenker wie Viktor Klima und Alfred Gusenbauer, hat den Böhler-Vorstand zu seiner Ablehnung des CVC-Angebots beglückwünscht -und forderte den Wirtschaftsminister und den niederösterreichischen Landeshauptmann auf, nun endlich etwas zu unternehmen. Finanzstaatssekretär Christoph Matznetter sprach gestern von einem "guten Tag für die Arbeitnehmer von Böhler-Uddeholm".
Nun werden zwar die Synergien, die sich Voestalpine-Chef Eder erwartet, nicht durch das Ausschütten von Caritas-Geldern an die neue Unternehmensgruppe lukriert werden können, sondern nur durch - auch personelle - Einsparungen in den Backoffice-Bereichen von Einkauf bis Treasury. Aber der Wähler, denkt sich wohl der Staatssekretär, versteht das ohnehin nicht.
Warum sollte er? Herr Kalina versteht es ja auch nicht.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001