Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Die gelobte Erbsünde

Wien (OTS) - Gibt man dir, so schweige; nimmt man dir, so schreie. Gemäß diesem alten Prinzip kann der Steuerzahler nach Bekanntwerden der Budgetzahlen aufatmen. Die Schmerzensschreie sind so laut und zahlreich, dass man sicher sein kann: Es ist nicht allen Begehrlichkeiten leichtfertig nachgegeben worden.

Dass gerade die Kulturszene so laut aufschreit, sollte jedenfalls nicht verwundern: Übt sie mit Hilfe der zugehörigen medialen Lobby doch seit langem die Disziplin des öffentlichen Jammerns. Zugleich kann man aber gerade bei der Kultur sehr schwer beurteilen, was wirklich notwendig ist.

Tatsache ist, dass die Kultursubventionen seit langem eingefroren sind - also realiter abgenommen haben. Aber solange sich das Burgtheater extrem aufwendige Inszenierungen bei billigem Eintritt leistet, solange man von der Albertina bis zum Belvedere opulente Marketing-Aktionen finanziert (die die private Konkurrenz etwa des Liechtenstein-Museums total neidig machen), ist einem um die heimische Kultur nicht wirklich bange. Darin wird man auch durch einen Blick auf den dramatischen Kultursparkurs in Deutschland bestärkt. Und dass die zuständige Ministerin daran denkt, Bildungsgelder zur Kultur umzulenken, ist hoffentlich nur ein böswilliges Gerücht.

Das Budget ist glatt und schnell zustande gekommen. Es hat auch ein geringeres Defizit als noch im Koalitionspakt geplant. Das verdient Lob, ebenso wie der Rückgang der Verschuldensquote. Dennoch gibt es einen großen Tadel: Eigentlich dürfte Österreich heuer überhaupt kein Defizit produzieren! Denn 2007 ist wohl konjunkturell das beste Jahr des ganzen Jahrzehnts. Zugleich steht -um von der wirklichen Welt zu reden - auch keine Wahl ins Haus, die zu Wählerbestechungen verleitet. Wann, wenn nicht in einem solchen Jahr, soll man Fett ansammeln für die unvermeidlichen mageren Zeiten im oft zitierten "Konjunkturzyklus"?

Aber nein, wir basteln statt dessen an einer "bedarfsorientierten Grundsicherung" und versprechen jedem Österreicher eine private Pflegerin rund um die Uhr. Beides war noch vor einem Jahr eine absolut unfinanzierbare Utopie. Die Zeit wird noch kommen, in denen das als doppelte Erbsünde des Jahres 2007 bilanziert werden muss.

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