"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gewalt gegen Frauen, der Islam und eine willfährige Richterin" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 23.3.2007

Graz (OTS) - Hurra, wir kapitulieren", nannte Henryk M. Broder
sein provokantes Buch über den Umgang mit dem Islam in Deutschland. Er hat sich viele Schmähungen anhören müssen für seine Überspitzungen. Der Fall einer Frankfurter Amtsrichterin bestätigt seine These - und gibt doch Anlass zur Hoffnung.

Die Juristin hatte im Scheidungsverfahren, das eine Deutche marokkanischer Abstammung gegen ihren marokkanischen Ehemann angestrengt hatte, zugunsten des Mannes entschieden. Seine Frau zu schlagen wäre vom Koran gerechtfertigt, meinte die Richterin. Also könne die Klägerin das Trennungsjahr ruhig noch abwarten, ehe die Scheidung rechtsgültig werde, meinte sie. Das Verfahren wurde ihr entzogen, der Skandal damit aber nicht aus der Welt geschafft.

Der Fall ist gleich doppelt schockierend. Völlig unverständlich bleibt, wie eine deutsche Richterin auf den Gedanken verfallen kann, sich auf das heilige Buch einer Religion zu berufen statt einfach deutsches Recht anzuwenden.

Der zweite Einwand, den vor allem Verteter der Muslime gegen die Frau vorbringen, nimmt den Koran vor ihrer Interpretation in Schutz. Wichtige islamische Gelehrte hätten die vierte Sure, der die Anwendung von Gewalt gegen "widerspenstige" Frauen gestattet, längst stark abgeschwächt, sagen sie. Insbesondere in Marokko, wo der schlagende Mann und seine Frau herkommen, gilt das frauenfreundlichste Scheidungsrecht der islamischen Welt. Die deutsche Juristin aber greife auf die Interpretationen von Fundamentalisten zurück.

Die Haltung der Richterin ist die Karikatur eines Denkens, das sich im Gefolge der Entkolonialisierung in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Aus der legitimen Forderung nach Respekt für andere Völker und deren Kulturen wird in dieser extremen Überspitzung die Selbstaufgabe der eigenen Position.

Als Bassam Tibi, ein nach Deutschland immigrierter Syrer, in den neunziger Jahren den Europäern den Respekt vor der eigenen "Leitkultur" empfahl, ging ein Aufruhr durch das Land. Die Schmähungen, die dem Muslim entgegenschollen, waren so verletzend, dass er nach Amerika zog.

Tibis Warnung klang damals ähnlich dem, was Broder heute sagt: Eine Zivilisation, die ihre eigenen Werte und Wurzeln verleugnet, ist zum Tode verurteilt. Das wollte man in Deutschland lange nicht hören. Dass die Entscheidung der Frankfurter Richterin heftige Abwehr auslöst, ist ein Zeichen, dass Tibis und Broders Interventionen langsam zu wirken beginnen. ****

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