Böhler-Uddeholm, oder: Wir sind "Heuschrecke"

"Presse"-Leitartikel von Franz Schellhorn

Wien (OTS) - Was jenseits der Landesgrenzen durchaus normal ist, wächst sich hierzulande schon mal zum Skandal aus.

Wenn sich ein Investor anschickt, ein österreichisches Unternehmen zu "schlucken", ist zumindest für Schlagzeilen gesorgt. Hat der Kaufwillige auch noch den falschen Reisepass (keinen österreichischen), wird aus der potenziellen Übernahme kurzerhand der drohende Ausverkauf von heimischem "Volksvermögen". Auch wenn dieses längst nicht mehr dem Staat, sondern Privaten gehört.
Entpuppt sich der kaufwillige Übernehmer zu allem Überfluss auch noch als ausländischer Investmentfonds, mausert sich die bereits zum Skandal hochstilisierte "Verscherbelung heimischen Familiensilbers" zur mutwilligen Zerschlagung eines österreichischen Parade-Unternehmens durch eine "Heuschrecke". So werden jene Fonds gerne genannt, die zwar nicht so sehr das Geld von Insekten veranlagen als vielmehr jenes von Privatpersonen. Gemeint sind Kleinanleger, die im Zuge kollabierender staatlicher Pensionssysteme selbst für die Zeit nach dem Arbeitsleben vorsorgen und erspartes Geld auf die Seite legen.
Ein derartiger "Skandal" spielt sich dieser Tage vor unser aller Augen ab. Der internationale Investmentfonds CVC ist drauf und dran, den österreichischen Edelstahlkonzern Böhler-Uddeholm zu übernehmen. Bevor geübte Ausverkaufs-Alarmierer das ganze Land in die kollektive "Hilfe-wir-werden-übernommen-Depression" treiben, dürfen wir die angeblich so düstere Sache ein wenig aufhellen. Also:
Wenn einem heimischen Unternehmen ein Übernahmeangebot von ausländischen Investoren gelegt wird, ist das schon einmal prinzipiell nichts Schlechtes. Im Gegenteil, es ist eine der höchsten Formen der Anerkennung, die es im Wirtschaftsleben zu vergeben gibt. Wer es vergessen hat: Die einstigen Böhler-Werke sind jahrelang als staatliches Milliardengrab in der Gegend herumgestanden. Anfang der 90er wurde Böhler unter der Führung von Claus Raidl saniert und ab 1994 sukzessive privatisiert. Es war das Geld privater Investoren, das der Schmiede einen beachtlichen Expansionskurs ermöglichte. Sollte Böhler-Uddeholm bald kein österreichisches Unternehmen mehr sein, wäre das zweifelsohne bedauerlich. Aber noch lange keine Katastrophe. "Fressen und Gefressenwerden" heißt schließlich das ganz normale Motto an den Finanzmärkten. Und gerade in der Disziplin des "Fressens" hat sich Böhler-Uddeholm weltweit einen Namen gemacht. Das heimische Unternehmen ist selbst ausschließlich mit dem Aufkaufen ausländischer Konzerne groß geworden, wie schon der Firmenname verrät. "Uddeholm" war ja kein oststeirischer Werkzeugtandler, sondern ein "schwedisches" Industrie-Juwel, das sich die Steirer 1991 einverleibten. 2004 wurde die brasilianische Villares übernommen, ein Jahr später der deutsche Konkurrent Buderus "geschluckt".
Bei den nicht ganz unberechtigten Sorgen, dass bei Böhler-Uddeholm in Kapfenberg schon bald die Lichter ausgehen könnten, sei angemerkt:
Investoren sind keine Deppen. Das gilt vor allem für Finanzinvestoren, die privates Geld lukrativ zu veranlagen haben. Sie blättern nicht viel Geld auf den Tisch, um ein österreichisches Werk zuzusperren. Investiert wird, um Geld zu verdienen. Dabei kann es freilich sein, dass der Standort Kapfenberg künftig etwas strenger an der internationalen Konkurrenz gemessen wird als bisher. So wie ja die schwedischen Uddeholm-Standorte seit 1991 auch keinen Heimvorteil mehr genießen.
Böhler-Uddeholm ist längst nicht mehr so österreichisch, wie gerne getan wird. Der Konzern produziert im Ausland deutlich mehr als im Inland. Von den knapp 14.000 Mitarbeitern sind rund 4000 in Österreich beschäftigt.
Es ist eine österreichische Spezialität, sich stolz auf die Brust zu klopfen, wenn "wir" reihenweise ausländische Unternehmen aufkaufen -wie in Osteuropa geschehen. Läuft es einmal umgekehrt, bricht gleich der große Jammer aus. Weil in den Köpfen der Österreicher die Finanzmärkte als Einbahnstraße konzipiert sind. Zum Glück ist man andernorts schon weiter. Etwa in Bosnien, Kroatien, Rumänien, Bulgarien, der Slowakei oder in Serbien.
Österreich ist, was Übernahmen betrifft, längst kein "Opfer" mehr, sondern "Täter". Heimische Firmen kaufen seit Jahren mehr Unternehmen im Ausland als ausländische in Österreich. Was freilich heimische Provinzpolitiker nicht daran hindern wird, bei der erstbesten Gelegenheit wieder ihr ausländerfeindliches Übernahmespektakel abzuziehen und sich als große Beschützer von privatem Vermögen aufzuspielen.

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