DER STANDARD-Kommentar "Uni-Weglegung"

von Lisa Nimmervoll

Wien (OTS) - Die österreichischen Universitäten im Jahr 2007:
Inspirierende Orte der intellektuellen Auseinandersetzung, Neugier und Weltaneignung in einem sehr ursprünglichen Sinn, aber auch trostlose, heruntergekommene Stätten studentischer Massenveranstaltungen. Faszinierende Forschungszentren, wo Lehrende und Lernende einen fordernden und fördernden Generationenkontrakt leben, aber auch unpersönliche Hörsaalevents und heruntergenudelte Uraltvorlesungen. Das alles und das Gegenteil sind Österreichs Universitäten im Jahr 2007.
Dieses ambivalente Resümee lässt sich jetzt am Ende des Standard-Unireports 2007, einer Tour d’Horizon durch die österreichische Universitätslandschaft in neun Etappen, ziehen. Wer einen Blick in die Hohen Schulen wirft, sieht begeisternde Lehrende, exzellente Forschende und interessierte Studierende, und solche, die das alles nicht sind - wie in jedem anderen Bereich auch. Aber die Unis sind trotz aller Unkenrufe, trotz klammer Finanzlage, trotz politischer Ignoranz lebendig.
Nur der öffentliche Diskurs über die Unis ist in weiten Teilen ein negativ-selektiver, zuletzt außerdem implodiert auf die plakativen Streitfragen Studiengebühr - ja oder nein -, und deutsche Medizinstudenten - gut oder böse. Darüberhinaus kam aus der Politik nicht viel zu universitären Fragen. Wann gab es das letzte innerkoalitionäre Wortgefecht über die Rolle universitärer Bildung in einer demokratisch verfassten Gesellschaft? Der Finanzminister badet im warmen Steuerregen - warum nicht das Hochschulbudget endlich von nur 1,1 Prozent auf die von der EU geforderten zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöhen? Warum streiten ÖVP und SPÖ nicht mit derselben Verve über das Uni-Budget wie über die Erbschaftssteuer? -Weil es ihnen nicht wichtig genug ist. Weil "der Geist" schon längst aus der Politik vertrieben wurde. Weil mit der Autonomisierung der Universitäten die Atomisierung der politischen Verantwortung für die Hohen Schulen einherging.
Die Universitäten wurden zu Babyklappen-Universitäten. Die Politik hat sie abgegeben - und nannte es "in die Autonomie entlassen". Die Unis haben mit großem Elan diese neue Freiheit genutzt, um sich zu verändern und weiterzuentwickeln. Was aber fehlt, ist eine Selbstverortung der Politik, wie sie ihre Verantwortung, die sie auch in Zukunft tragen muss, wahrzunehmen gedenkt. Bis jetzt stellt sie sich bei den existenziellen Problemen taub oder begriffsstutzig. Wie viele hunderte Seiten an hochqualifizierten Studien soll die Rektorenkonferenz eigentlich noch vorlegen, um die Brisanz zu beweisen, wie viele tausend Studienabbrecher sollen noch Lebenszeit vergeuden, bis die Regierung in der Lage ist, das Thema Uni-Zugang -unbegrenzter Studierendenandrang versus begrenzte Finanz-, Lehr- und Infrastrukturressourcen - wenigstens einmal zu diskutieren? Das ist die wichtigste Frage, die demnächst zu klären ist. Es ist kein Thema, das die Unis selbst entscheiden können, auch nicht dürfen sollen. Es ist eine gesellschaftspolitische Frage: Was sind uns die Universitäten wert?

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