Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Prinzip Inkonsequenz

Wien (OTS) - Trauerbekundungen löst das keine aus: Der ORF nimmt seine Sonntagabend-Diskussionsreihe schon vier Wochen aus dem Programm, bevor die Nachfolge-Sendung startet. Diese lieblose Entsorgung entspricht dem Frust der Seher ob der Sendung. Das, was eigentlich der zentrale Gesprächsplatz der Nation sein könnte, hat nicht einmal ein einziges Mal pro Woche jenes Niveau erreicht, das man in deutschen Sendern täglich sehen kann: Dort ist die Unkultur des ständigen Durcheinanderredens undenkbar. Dort würden sich Politiker ob des ständigen simplen Absetzens simplifizierender Schlagworte zu Tode genieren ("Millionärspartei!" "Familie!", "Eigentum!"). Dort wäre es undenkbar, dass ein ehemaliger Kandidat einer politischen Partei nicht als solcher deklariert wird, sondern einen Auftritt als einziger "Experte" bekommt.

Wir dürfen also aufatmen. Und zugleich besorgt sein: Denn nichts von dem, was man bisher aus der penetranten ORF-Selbstdarstellung über künftige Diskussionen erfährt, macht Hoffnung. Außer, dass die unsägliche Publikumsbeteiligung vorbei ist.

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Diese letzte Sendung war der Erbschaftssteuer gewidmet. Dabei wurden von den Freunden dieser Steuer den staunenden Zusehern ausgerechnet die USA als lobenswertes Beispiel dargestellt. Nun gut, wenn schon USA, dann aber nicht nach der Rosinen-Methode, sondern bitte ganz: Die Erbschaftssteuer mag bleiben; dafür sinkt die Spitzensteuer von 50 auf unter 40 Prozent; und die Staatsquote schrumpft von deutlich über 40 auf deutlich unter 30 Prozent. Wetten, dass ein solches System sofort wieder von progressiv-populistischen Menschen als Millionärs-Privileg denunziert würde?

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Apropos Inkonsequenz progressiver Menschen: Sie halten uns seit Jahr und Tag Finnland als Musterland vor Augen. Etwa in Hinblick auf das gute Abschneiden bei Schultests (wobei sie freilich ständig verschweigen, dass es dort viel weniger Zuwanderer-Kinder in der Schule und viel mehr Arbeitslosigkeit nach der Schule gibt). Warten wir aber nun mit Spannung, ob sie uns Finnland auch nach den Parlaments-Wahlen als Vorbild darstellen werden. Etwa weil der große Wahlsieger ein deklarierter Vorkämpfer neuer Atomkraftwerke ist . . .

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