"KURIER"-Kommentar von Reinhard Göweil: "Schöne Neue Welt"

Geld spielt bei Übernahmen keine Rolle mehr, tut es Verantwortung?

Wien (OTS) - Ob der irrwitzige Kursanstieg der Böhler-Aktie mit
der Absicht der Beteiligungsgesellschaft CVC, das Unternehmen zu erwerben, unmittelbar zu tun hat, ist nach wie vor unklar. Die Wertpapieraufsicht ist hier sicher noch gefragt.
Die Vorgänge um Böhler-Uddeholm haben aber bewiesen, dass Geld keine Rolle mehr spielt. In den Finanzgesellschaften, die gerne als Heuschrecken bezeichnet werden, wird sehr viel Kapital angehäuft, das nach Rendite schreit. Dazu kommt, dass mittlerweile auch Großkapital anonym daherkommt: Wessen Geld in Böhler-Pakete angelegt wird, bleibt im Dunklen.
Wenn Geld also keine Rolle mehr spielt, tut es dann die Verantwortung? Bleibt Böhler-Uddeholm der erfolgreiche Edelstahlkonzern, den Politiker nennen, wenn sie von gelungenen Privatisierungen erzählen? Das weiß niemand, nicht einmal CVC. Denn die Beteiligungsgesellschaft wäre eines sicher nicht: Ein dauerhafter Kernaktionär. Die industrielle Unsicherheit bei Böhler-Uddeholm würde steigen.
Die Ereignisse der vergangenen Tagen werden die Debatte um Sinn oder Unsinn der Privatisierungen daher neu entfachen. Mit Recht. Denn der Komplett-Ausstieg der staatlichen ÖIAG aus den Industriebetrieben war zwar inhaltlich völlig richtig, ist aber zu früh und nach zu simplem Strickmuster erfolgt. Besser wäre gewesen, den privaten Kapitalaufbau in Österreich stärker in diese Überlegungen miteinzubeziehen (Stichwort: Austrofonds). Wenn Rudolf Fries verkauft, wäre es falsch, ihn als Buhmann hinzustellen. Denn er investiert eigenes Geld, ihm den Verkauf zu verbieten wäre Enteignung. Die Verantwortung der Politik wiegt schwerer.

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