Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Eine Schule für alle?

Gesamtschule: Ja oder Nein? Das Ergebnis einer Volksbefragung über diese Frage ist vorhersehbar. Sowohl die Kosten wie auch die Wünsche der Eltern sprechen gegen die Gesamtschule. Daher zuckte die SPÖ sofort zurück, als die ÖVP den Vorschlag einer Befragung auf den Tisch legte.

Bei den Kosten geht es um viele neue Schulbauten, da ja jedes Schulbetriebssystem eine ganz andere Hardware braucht. Zugleich werden sofort alle Hauptschullehrer die gleiche Bezahlung wie die "akademischen" Kollegen von den AHS verlangen.

Ebenso klar ist das Nein der Eltern: Auf dem Land bedeutet Gesamtschule eine längere Anreise als in die (dort auch noch gut funktionierende) Hauptschule. Und in der Stadt sind viele Eltern besorgt, dass ihre Kinder dann volle acht Jahre neben einer Mehrheit mit nichtdeutscher Muttersprache sitzen müssen. Was der Bildungsqualität meist nicht sehr dienlich ist. Daran ändert sich auch nichts, wenn das Gesamtschul-Modell - ebenfalls ganz "progressiv" - damit kombiniert würde, allen Schülern das Abschlusszeugnis zu schenken, um nur ja niemanden zu "diskriminieren" oder "am Aufstieg zu hindern". Denn dann ist ein solches Zeugnis eben für alle wertlos. Es ist auch schlicht eine Mär, dass im derzeitigen System zu früh über Schicksale entschieden wird: Denn mehr als die Hälfte aller Maturanten kommt aus Hauptschulen.

Es gibt - neben den an ihrer scheinbaren Zweitrangigkeit leidenden Hauptschullehrern - nur eine Gruppe, die von der Gesamtschule profitieren würde: die Privatschulen. Bisher hatten ja viele städtische Eltern geglaubt, Entscheidendes für die Zukunft ihrer Kinder zu tun, wenn sie diese in eine AHS bringen.

Künftig werden Eltern halt wieder kräftig Schulgeld zahlen müssen, wenn sie ihren Kindern einen Aufstieg wünschen. Eine kuriose Wirkung einer sich als progressiv ausgebenden Pädagogik.
Alles spricht also gegen die Gesamtschule - nur eines nicht: die derzeitige Rolle der städtischen Hauptschule als Ghetto für perspektivenarme Ausländerkinder und als Herd sozialer Explosionen, wie etwa in Deutschland schon offen zugegeben wird. Die Wähler werden es aber nicht akzeptieren, wenn zur scheinbaren Milderung dieses Problems ihren Kindern politische Gewalt angetan wird.

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