"Kleine Zeitung" Kommentar: "Bei der Atomkraft fällt uns das Argument auf den Kopf" (Von Michael Jungwirth)

Ausgabe vom 09.03.2007

Graz (OTS) - Auf den ersten Blick ist es eine handfeste
Provokation: Beim Klimaschutz steht es fünf nach zwölf und die EU debattiert über die Atomkraft. Die Österreicher, die sich 1978 freilich nur mit hauchdünner Mehrheit gegen Zwentendorf ausgesprochen haben, verstehen die Welt nicht mehr.

Womöglich hat sich auch Alfred Gusenbauer seinen ersten Gipfel etwas anders vorgestellt. Statt seinem untrügerischen Gespür für populistische Stimmungen nachzugehen und sich als Öko-Kanzler zu profilieren, muss er sich beim Klimagipfel mit der lästigen Atomenergie herumschlagen. Wieder sind es die Franzosen, die den Österreichern die Suppe versalzen.

Es ist aber nun mal so: Die EU wird nicht am österreichischen Wesen genesen. Einigen dürfte noch in Erinnerung sein, dass sich die Österreicher 1978 mit hauchdünner Mehrheit gegen Zwentendorf ausgesprochen haben. Kreisky hatte die Abstimmung mit seinem eigenen politischen Schicksal verknüpft. 30.000 Stimmen haben gefehlt und in Österreich wären heute drei Atomkraftwerke in Betrieb. Das sah Kreiskys Energieplan so vor.

Seit dem EU-Beitritt pochen die Österreicher bei jeder Gelegenheit darauf, dass jedes Land seinen Energiemix selbst bestimmt. Dieses Argument fällt uns jetzt auf den Kopf. Mit demselben Recht verwiesen die Franzosen, die Tschechen, die Finnen und übrigens auch die Schweizer darauf, dass es uns Österreicher nichts angeht, ob sie sich für oder gegen die Atomkraft entscheiden.

In der Tat ist die Atomkraft eine höchst problematische Energieform. Eine hundertprozentige Sicherheit kann nicht garantiert werden, vor allem ist die Frage der Endlagerung nach wie vor ungeklärt. Weltweit existiert kein einziges Endlager für die tödlichen Brennstäbe.

Dass Europas Bürger von der Kernenergie unisono nichts wissen wollen, ist eine Mär. Unbeeindruckt von den jüngsten Pannen befürworten nur 17 Prozent der Schwesen den Ausstieg aus der Technologie.

Die Atomkraft erlebt eine Renaissance, weil die Industriestaaten an mehreren Fronten unter Druck geraten sind. Der Energiebedarf steigt, aber auch die Auslandsabhängigkeit. Gleichzeitig schlittert die Welt in den Klimakollaps. Die erneuerbaren Energien sind eine Antwort, aber nicht die einzige Antwort auf das Dilemma.

Vor diesem Hintergrund steht auf dem gestern in Brüssel begonnenen EU-Gipfel viel auf dem Spiel. Wenn jemand beim Klimaschutz eine weltweite Vorreiterrolle übernehmen kann, dann sind es die Europäer. Der Gipfel wird zeigen, ob die EU zur Kraftanstrengung bereit ist. ****

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