"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Frage 'Beruf oder Familie' gehört in die Mottenkiste" (Von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 08.03.2007

Graz (OTS) - Mit einer großen Portion Ironie hat Grünen-Chef Alexander Van der Bellen beim Bundestag der Grünen auf den heutigen Frauentag verwiesen. Die Frauenministerin, mokierte er sich, werde sicher eine "wichtige Rede" halten. In der Redaktionskonferenz hat wiederum unser Chefredakteur vorgeschlagen, dass für den heutigen Frauentag die Zeitung ausschließlich von Journalistinnen geschrieben werden könnte. Die Überlegung fand wenig Anklang. Warum? Weil sich die Frauen der Redaktion ganz bewusst nicht am 8. März als Showeinlage ins Schaufenster stellen lassen wollten.

Also insgesamt ein anachronistischer, unnötiger Tag, dieser Internationale Frauentag, an dem die immer noch massiven Diskriminierungen der Frauen beklagt werden und die neue Frauenministerin versichert, dass Frauen jetzt wieder "eine starke Stimme" bekommen werden? Dass dieser Tag Berechtigung hat, beweist ein simpler Tatbestand, an dem bislang auch noch keine "starke Stimme" einer Frauenministerin etwas geändert hat: Am ersten Frauentag 1911 wurden Frauen als Arbeiterinnen ausgebeutet, 96 Jahre später verdienen sie weiterhin um rund 20 Prozent weniger als männliche Kollegen, haben die geringsten Pensionen und werden in Hierarchien übergangen, als ob es nie eine Bildungsrevolution der Frauen gegeben hätte.

Einen neuen Feminismus ins Leben zu rufen, wäre hoch an der Zeit. Nicht nur, weil der Skandal der ungleichen Bewertung gleicher Tätigkeiten ohne die Keule von Gleichstellungsgesetzen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag fortgesetzt werden wird. Es geht auch immer noch um die Frage der Mutterschaft, der damit verbundenen ökonomischen Abhängigkeit und Ausgrenzung aus einem Sozialsystem, das jede Absicherung an die Erwerbsarbeit koppelt.

Bei all seinen Erfolgen hat der Feminismus in dieser Frage kläglich versagt. Weil Mutterschaft einfach zum Hindernis frauenpolitischen Fortschritts erklärt und oft noch als intellektuell anspruchslose und nicht wertschöpfende Tätigkeit diskriminiert wurde. Statt das Recht der Frau auf Chancengleichheit auch mit Kindern einzufordern.

Ein Feminismus neu müsste einen Paradigmenwechsel in den Köpfen erzwingen. Dazu zählt, dass Frauen nicht als selbstlose Moderatorinnen auf die Welt kommen und sich für eine heute 20-Jährige die Frage "Beruf oder Familie" nicht mehr stellt. Sie will beides -wenn auch meist nicht gleichzeitig. Alle anderen Fragen gehören nicht nur am 8. März in die Mottenkiste des 20. Jahrhunderts.****

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