- 02.03.2007, 17:51:02
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"Die Presse" Leitartikel: Vater Staat bemuttert nicht nur unsere Kinder von Michael Prüller
Ausgabe vom 03.03.2007
Wien (OTS) - Wahlfreiheit für Mütter realisieren bedeutet viel
mehr, als nur das Land mit Kinderkrippen zu bestücken.
Um einen Gedanken von Michael Fleischhacker von vorigem Samstag
weiterzuspinnen: In der Diskussion um Familie und Kindesbetreuung
gibt es keine Ideologiefreiheit. Wir sagen es also klar: Unsere
Ideologie in dieser Frage ist die Wahlfreiheit. In der deutschen
Polemik um die Kinderkrippen-Offensive der Familienministerin geht es
um genau das: Soll eine Regierung die Voraussetzungen dafür schaffen,
dass möglichst jede Familie das Modell von Berufstätigkeit wählen
kann, das sie selbst will - oder sollen die Voraussetzungen so sein,
dass die Familie das Modell wählt, das die Regierung will? Das
betrifft beide Lager: Ein Staat, der das Ideal der Vollzeitmutter
durch Verknappung der Krippenplätze durchsetzen will, würde seine
Kompetenzen ebenso überschreiten wie ein Staat, der
nicht-berufstätige Mütter als Verräterinnen an der hart erkämpften
Emanzipation schikaniert.
Staatsmaßnahmen sind in der Familienpolitik noch mehr als sonst
Elefanten im Porzellanladen. Auch dann, wenn es der Regierung darum
geht, das Aussterben der Nation zu verhindern oder durch eine höhere
Frauenerwerbsquote die Sozialversicherung zu retten. Denn auch in
diesen Fragen hat der Staat seine Planungen an die persönlichen
Entscheidungen der Bürger anzupassen und nicht umgekehrt. Der Staat
ist kein Erzieher und nicht das Korrektiv für die Prioritätensetzung
der Menschen, denen er zu dienen hat. Freilich gehört dazu, dass frei
entscheidende Menschen auch zu den Konsequenzen stehen müssen. So
kann etwa ein Paar, das auf eines von zwei möglichen Erwerbseinkommen
verzichtet, nicht erwarten, dass die Gesellschaft diesen persönlichen
Wohlstandsverzicht wettmacht.
Was für den Staat übrig bleibt, ist die Pflicht, Hindernisse für die
Wunschverwirklichung zu beseitigen und den Menschen zu helfen, ihre
oft widersprüchliche Motivenlage zu klären. Das ist immer noch
schwierig genug - siehe die Debatte um die Nachfrage nach
Kleinkinder-Betreuungseinrichtungen und die Vorbehalte vieler Mütter,
solche zu nützen. Ein Instrument, dessen sich die Politik hier
bedienen sollte, ist der Markt. Denn er gibt keine Rollen vor,
sondern bringt Selbstentscheider zusammen.
Statt selbst zentral geplante staatliche Krippen zu bauen, für die
dann womöglich die Mütter immer noch zu "konservativ" sind und
umerzogen werden müssen, könnte der Staat den Familien
Betreuungsschecks in die Hand geben. Sie selbst können dann
bestimmen, wofür sie ihn ausgeben - für einen Krippenplatz, eine
Haushaltshilfe oder, wenn man das Kind selbst vollzeiterziehen will,
für eine spätere Bildungsausgabe, etwa das Studiengeld. Wenn dadurch
neuer Bedarf an Kleinkindbetreuern entsteht, muss die Regierung nur
die Voraussetzungen schaffen, dass Private diese Leistung anbieten
können, und zwar so, dass Ausbildung und Kontrolle garantiert ist.
Nachfrage und Angebot entstünden dabei ohne staatliche
Vorschreibungen, Fünfjahrespläne, EU-Zielvorgaben und ähnlich
dirigistischen Plunder. Und mit aller gebotenen ideologischen
Zurückhaltung.
Auch darf eine Regierung, die den Wunsch vieler Mütter nach
Berufstätigkeit ernst nimmt, nicht bei der simpelsten Lösung stehen
bleiben. Kinderkrippen sind die kaltschnäuzigste Antwort einer
Gesellschaft. Sie dienen vor allem der fantasielosen Fortschreibung
des 19. Jahrhunderts, in dem es effizient war, den Mann acht bis zehn
Stunden am Tag, 48 Wochen im Jahr, 45 Jahre lang aus dem Haushalt zu
entfernen. Nun wird das einfach auf beide Elternteile ausgeweitet,
was natürlich hinten und vorne krachen muss. Familie funktioniert
einfach anders.
Viel mehr versprechen würde da eine weitere Flexibilisierung der
Lebensarbeits-Strukturen, sprich: die Möglichkeit mehrjähriger
Berufs-Unterbrechungen, ohne dass dies jede Aussicht auf beruflichen
Aufstieg tötet. Das bräuchte aber Initiativen an vielen Ecken und
Enden, verlangt eine vielfältige und nicht eine stromlinienförmig
durchorganisierte Arbeitswelt, verlangt und ermöglicht ganze (und
ganz neue) Väter und ist daher der viel komplexere Zugang.
Die größte Wohltat würde damit natürlich jenen Müttern und Vätern
erwiesen, die nicht deswegen bei ihren kleinen Kindern bleiben
wollen, weil irgendwelche Psychologen "Rabenmütter" rufen. Sondern
weil sie sich den Luxus gönnen wollen, jene Jahre im Breitwandformat
zu erleben, in denen sich ihre Kinder zu wunderbaren Freunden
entfalten, von denen man so viel Liebe und Zuneigung erfährt wie
später nie mehr wieder. Eltern, die bei der Entdeckung der Welt durch
ihre Kinder deren Erstansprechpartner bleiben wollen. Es ist eine
berechtigte Frage, ob die Gesellschaft dazu da ist, solchen Luxus zu
unterstützen. Aber als Option offen halten sollte sie ihn allemal.
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
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