"Die Presse" Leitartikel: Vater Staat bemuttert nicht nur unsere Kinder von Michael Prüller

Ausgabe vom 03.03.2007

Wien (OTS) - Wahlfreiheit für Mütter realisieren bedeutet viel mehr, als nur das Land mit Kinderkrippen zu bestücken.

Um einen Gedanken von Michael Fleischhacker von vorigem Samstag weiterzuspinnen: In der Diskussion um Familie und Kindesbetreuung gibt es keine Ideologiefreiheit. Wir sagen es also klar: Unsere Ideologie in dieser Frage ist die Wahlfreiheit. In der deutschen Polemik um die Kinderkrippen-Offensive der Familienministerin geht es um genau das: Soll eine Regierung die Voraussetzungen dafür schaffen, dass möglichst jede Familie das Modell von Berufstätigkeit wählen kann, das sie selbst will - oder sollen die Voraussetzungen so sein, dass die Familie das Modell wählt, das die Regierung will? Das betrifft beide Lager: Ein Staat, der das Ideal der Vollzeitmutter durch Verknappung der Krippenplätze durchsetzen will, würde seine Kompetenzen ebenso überschreiten wie ein Staat, der nicht-berufstätige Mütter als Verräterinnen an der hart erkämpften Emanzipation schikaniert.
Staatsmaßnahmen sind in der Familienpolitik noch mehr als sonst Elefanten im Porzellanladen. Auch dann, wenn es der Regierung darum geht, das Aussterben der Nation zu verhindern oder durch eine höhere Frauenerwerbsquote die Sozialversicherung zu retten. Denn auch in diesen Fragen hat der Staat seine Planungen an die persönlichen Entscheidungen der Bürger anzupassen und nicht umgekehrt. Der Staat ist kein Erzieher und nicht das Korrektiv für die Prioritätensetzung der Menschen, denen er zu dienen hat. Freilich gehört dazu, dass frei entscheidende Menschen auch zu den Konsequenzen stehen müssen. So kann etwa ein Paar, das auf eines von zwei möglichen Erwerbseinkommen verzichtet, nicht erwarten, dass die Gesellschaft diesen persönlichen Wohlstandsverzicht wettmacht.
Was für den Staat übrig bleibt, ist die Pflicht, Hindernisse für die Wunschverwirklichung zu beseitigen und den Menschen zu helfen, ihre oft widersprüchliche Motivenlage zu klären. Das ist immer noch schwierig genug - siehe die Debatte um die Nachfrage nach Kleinkinder-Betreuungseinrichtungen und die Vorbehalte vieler Mütter, solche zu nützen. Ein Instrument, dessen sich die Politik hier bedienen sollte, ist der Markt. Denn er gibt keine Rollen vor, sondern bringt Selbstentscheider zusammen.
Statt selbst zentral geplante staatliche Krippen zu bauen, für die dann womöglich die Mütter immer noch zu "konservativ" sind und umerzogen werden müssen, könnte der Staat den Familien Betreuungsschecks in die Hand geben. Sie selbst können dann bestimmen, wofür sie ihn ausgeben - für einen Krippenplatz, eine Haushaltshilfe oder, wenn man das Kind selbst vollzeiterziehen will, für eine spätere Bildungsausgabe, etwa das Studiengeld. Wenn dadurch neuer Bedarf an Kleinkindbetreuern entsteht, muss die Regierung nur die Voraussetzungen schaffen, dass Private diese Leistung anbieten können, und zwar so, dass Ausbildung und Kontrolle garantiert ist. Nachfrage und Angebot entstünden dabei ohne staatliche Vorschreibungen, Fünfjahrespläne, EU-Zielvorgaben und ähnlich dirigistischen Plunder. Und mit aller gebotenen ideologischen Zurückhaltung.

Auch darf eine Regierung, die den Wunsch vieler Mütter nach Berufstätigkeit ernst nimmt, nicht bei der simpelsten Lösung stehen bleiben. Kinderkrippen sind die kaltschnäuzigste Antwort einer Gesellschaft. Sie dienen vor allem der fantasielosen Fortschreibung des 19. Jahrhunderts, in dem es effizient war, den Mann acht bis zehn Stunden am Tag, 48 Wochen im Jahr, 45 Jahre lang aus dem Haushalt zu entfernen. Nun wird das einfach auf beide Elternteile ausgeweitet, was natürlich hinten und vorne krachen muss. Familie funktioniert einfach anders.
Viel mehr versprechen würde da eine weitere Flexibilisierung der Lebensarbeits-Strukturen, sprich: die Möglichkeit mehrjähriger Berufs-Unterbrechungen, ohne dass dies jede Aussicht auf beruflichen Aufstieg tötet. Das bräuchte aber Initiativen an vielen Ecken und Enden, verlangt eine vielfältige und nicht eine stromlinienförmig durchorganisierte Arbeitswelt, verlangt und ermöglicht ganze (und ganz neue) Väter und ist daher der viel komplexere Zugang.
Die größte Wohltat würde damit natürlich jenen Müttern und Vätern erwiesen, die nicht deswegen bei ihren kleinen Kindern bleiben wollen, weil irgendwelche Psychologen "Rabenmütter" rufen. Sondern weil sie sich den Luxus gönnen wollen, jene Jahre im Breitwandformat zu erleben, in denen sich ihre Kinder zu wunderbaren Freunden entfalten, von denen man so viel Liebe und Zuneigung erfährt wie später nie mehr wieder. Eltern, die bei der Entdeckung der Welt durch ihre Kinder deren Erstansprechpartner bleiben wollen. Es ist eine berechtigte Frage, ob die Gesellschaft dazu da ist, solchen Luxus zu unterstützen. Aber als Option offen halten sollte sie ihn allemal.

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