"Kleine Zeitung" Kommentar: "Erinnerung als Chance: Die Vertreibung der Ostpreußen" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 02.03.2007

Graz (OTS) - Am Sonntagabend startet in ORF 2 der Zweiteiler "Die Flucht". Im Mittelpunkt des Historiendramas steht die Vertreibung der Ostpreußen, Pommern und Schlesier am Ende des Zweiten Weltkriegs. Zwölf Millionen Menschen verloren bei diesem Exodus ihre Heimat, viele starben. Für die, die überlebten, wurde es das Trauma ihres Lebens.

Dieses Unrecht zum Gegenstand eines Spielfilms zu machen, wäre noch vor zehn, fünfzehn Jahren als politisch unkorrekter Affront verstanden worden, als frivoler Anschlag auf die Würde der Opfer des millionenfachen Mordes, den die Nationalsozialisten in ihrem Wahn vom Lebensraum im Osten an Juden, Russen, Polen und anderen Völkern verübten.

Heute stößt sich kaum jemand mehr daran. Was vor kurzem noch polarisierte, fügt sich in ein Phänomen, das der französische Historiker Pierre Nora als "Gedächtniskonjunktur" bezeichnet hat. Überall in Europa macht sich eine tiefgehende Veränderung der traditionellen Beziehung zur Vergangenheit bemerkbar. Verdrängte Anteile der Geschichte erwachen wieder und verschüttete Spuren einer beschlagnahmten Vergangenheit treten offen zu Tage.

Der Zeitpunkt dieses Wandels ist kein Zufall. Er hat mit dem Ende des Kommunismus zu tun, das den Blick freigab auf die riesige Trümmerlandschaft des Sowjetimperiums mit seinen vergessenen ethnischen Minderheiten, die jahrzehntelang schweigen mussten, weil sie den Tätervölkern zugerechnet wurden. Er hat aber auch zu tun mit der Öffnung einst fest verschlossener Archive und dem Bankrott einer ideologisierten Geschichtsschreibung, aus deren Wortschatz der Begriff Vertreibung verbannt war.

Für viele im Westen schien der Triumph nach dem Fall der Berliner Mauer so vollkommen, dass sie siegestrunken vom Ende der Geschichte sprachen. 18 Jahre danach zeigt sich, dass wir in Europa heute mehr Geschichte denn je haben und Teil eines Prozesses sind, an dessen Ende die schmerzliche Erkenntnis steht, dass Täter auch zu Opfern werden können - und Opfer zu Tätern.

Nichts wäre törichter, als das eigene Leid aufzurechnen. Es hieße starrköpfig zu verkennen, dass der Krieg 1945 dorthin zurückkehrte, wo er entfesselt worden war. Aber es soll auch über jene geredet werden dürfen, die als Deutschsprachige von Königsberg bis Marburg an der Drau in der Jahrhundertkatastrophe des Zweiten Weltkriegs unschuldig unter die Räder kamen.

Versöhnung braucht vor allem eines. Sie braucht Aufrichtigkeit. Nur wer die Geschichte schonungslos enttabuisiert, hat eine gemeinsame Zukunft. ****

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