"Der überfällige 'rote' Börsenkrach" von Josef Urschitz

Ausgabe vom 1. März 2007

Wien (OTS) - Der Börsenschock vom Montag hat gezeigt: China ist
ein berechenbarer Spieler in der Weltwirtschaft geworden.

Was genau ist eigentlich an diesem schwarzen Dienstag an den bis dahin boomenden Weltbörsen passiert? Ungefähr Folgendes: In Shanghai hat einer "Feuer" geschrien - und weltweit sind die nervöseren unter den Börsianern sofort zum Notausgang gelaufen. Katastrophenfilm-Fans und Feuerwehrleute wissen, was in solch einem Fall passiert: Wer mitläuft, wird sehr leicht zu Tode getrampelt. Wer überleben will, schaut zuerst einmal, ob es überhaupt brennt. Und überlegt dann in Ruhe, wie er mit möglichst wenig Blessuren herauskommt.
Ein drastisches Beispiel dazu: Wer am Dienstag in Wien BWin-Aktien verkaufen wollte, hat dies mit einem Tagesverlust von 20 Prozent, aber auch mit einem Tagesgewinn von 10 Prozent tun können. Je nachdem, ob er in der Früh mit der Meute zum vermeintlichen Notausgang gerannt ist oder Nerven bewahrt hat. Bei einem Kleinanlegereinsatz von, sagen wir, 20.000 Euro, macht dieser Unterschied zwischen Nervenstärke und Panik die Differenz zwischen 4000 Euro Verlust und 2000 Euro Gewinn aus. An einem einzigen Tag, wohlgemerkt. So schaut es an den Börsen aus, wenn der kollektive Wahnsinn ausbricht.
Dabei sieht es so aus, als hätte es gar nicht gebrannt:
Hauptauslöser des Kurssturzes in Shanghai, der dann alle Weltbörsen mitriss, waren Gerüchte, wonach China erstens die Kapitalmarktreform stoppen, zweitens die Zinsen drastisch erhöhen und drittens eine Kapitalertragssteuer auf Aktiengewinne einführen wolle.
Die Regierung in Peking setzte noch während des Kursrutsches vom Dienstag Offizielle in Gang, die die Hiobsbotschaften glaubhaft dementierten. Mit dem Ergebnis, dass die Börse Shanghai nur einen Tag nach dem größten Tages-Kurssturz ihrer Geschichte gleich wieder ins Plus drehte.
Freilich: Der Schock war weltweit bereits ausgelöst. Die Vorgänge zeigen jedenfalls dreierlei:
Erstens: Die Weltbörsen, die in den vergangenen vier Jahren unglaubliche Kurszuwächse erzielt hatten, sind sehr nervös geworden. Offenbar ist in den Kursen - vor allem in den sogenannten "Emerging Markets" wie China, Indien und Brasilien, aber auch in europäischen Boombörsen wie Wien - schon sehr viel Luft, die beim kleinsten "Unfall" sehr schnell und mit sehr unangenehmen Folgen für die Investoren entweichen kann. Wer die Aktienkursgewinne der vergangenen Jahre nicht leichtfertig aufs Spiel setzen will, wird die Augen also offen halten müssen. Das alte Kostolany-Rezept (Aktien kaufen, Schlafmittel nehmen, niederlegen und warten, bis man reich ist) gilt schon lange nicht mehr.
Zweitens: China ist ein wichtiger "Player" nicht nur in der Weltwirtschaft, sondern auch in der globalen Finanzwirtschaft geworden. Wenn an der Börse Shanghai das berühmte Fahrrad umfällt, dann ist das nicht mehr ein Nullereignis, dann lässt das vielmehr selbst an der New Yorker Wallstreet das "Parkett" erzittern. Da ist in den vergangenen Jahren offenbar die Emanzipation von der verlängerten US-Werkbank zum ernst zu nehmenden globalen Mitspieler gelungen.
Drittens, und am wichtigsten: China ist berechenbar geworden. Die professionelle Feuerwehraktion der Regierung in Peking zeigt, dass das kommunistische Riesenreich gekonnt auf den kapitalistischen Finanzmärkten mitspielt und hohes Interesse an deren Funktionieren hat. Was, ganz nebenbei, auch kein Wunder ist: China sitzt auf Dollarreserven von mittlerweile mehr als 800 Milliarden. So viele Dollars hat kein anderes Land außerhalb der USA im Staatstresor. Peking könnte also nur unter massiver Selbstschädigung bewusst Attacken gegen das US-Finanzsystem und damit gegen den "Greenback" reiten.

Und die chinesische Führung weiß sehr genau, was die schnell wachsende neue Mittelschicht im Lande denkt. Wer sich in Shanghai, Nanjing oder Peking umhört, bekommt nämlich auf Fragen nach politischen Freiheiten und Menschenrechten ungefähr Folgendes zu hören: "Solange ich die Chance sehe, nächstes Jahr ein Motorrad, in vier Jahren einen Toyota und in zehn Jahren einen BMW zu kaufen, ist mir die Politik egal."
Mit anderen Worten: Der Wirtschafts- und Börsenboom ist die Lebensversicherung des Regimes in Peking. Und dass man das dort weiß, hat man bei der Bekämpfung des "Börsenbrands" von Shanghai -Ideologie hin oder her - eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Genau das ist das eigentlich Erwähnenswerte am "roten Börsenkrach", der insgesamt ja nur ein kleiner Korrekturzacken im aufwärts gerichteten Börsenchart sein wird.

Weltbörsen Seite 17

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