Geiselnahme: Rosenkranz bringt Anfrage über Verhalten von "Österreich" ein

Zeitung konterkariert polizeiliche Verhandlungen und gefährdet Geiseln

Wien (OTS) - FPÖ-Sicherheitssprecherin NAbg. Barbara Rosenkranz bringt eine Anfrage an den Innenminister ein betreffend "die Grenzen des Journalismus oder Wie gefährde ich Geiseln". Anlass dafür ist das Telefonat, das die Tageszeitung "Österreich" während der gestrigen Geiselnahme in der Mariahilfer Straße mit dem Geiselnehmer führte.

Die Anfrage im Wortlaut:

Am 27. Februar dieses Jahres wurde kurz vor 11.00 Uhr die BAWAG P.S.K. Bankfiliale in der Mariahilfer Straße Nr. 22-24 von einem bewaffneten Mann betreten.
Dies war der Auslöser für eine fast fünfstündige Geiselnahme und den damit verbundenen Medienrummel. Mehrere Sondersendungen der "Zeit in Bild" berichteten zum teil "live" über das geschehen vor Ort. Hunderte Schaulustige und Journalisten drängten sich um die besten Beobachtungs- und Berichterstattungsplätze im Umfeld der betroffenen Bank.

In mühevollen Verhandlungen geführt durch die Polizei kam es glücklicherweise zu einem unblutigen Ende. Die österreichischen Tageszeitungen haben somit ein gelungenes Titelblatt und qualitativ hochwertige Berichte im Blattinneren dem besorgt interessierten Bürger zukommen lassen können. Nur ein Reporter hat es geschafft, jeglichen Anstand über Bord zu werfen, die Geiseln in dieser prekären Situation direkt zu gefährden und somit den zu diesem Zeitpunkt noch offenen Ausgang der polizeilichen Verhandlungen zu konterkarieren.

Bisher war es seitens der österreichischen Tageszeitungen nicht üblich sich in laufende polizeiliche Verhandlungen einzumischen. Nun wurde diese Grenze des Anstandes überschritten. Ein Reporter der Tageszeitung "Österreich" hatte die "glorreiche" Idee in effekthascherischer Absicht, während der polizeilichen Verhandlungen in der Bank anzurufen:
Quelle: Tageszeitung Österreich, www.oe24.at; Ein Tonband-Protokoll ist auf der Homepage auch vorhanden.

"Wien, 27. Februar 2007
ÖSTERREICH telefonierte mit dem Geiselgangster. Das skurille Tonband-Protokoll.
Es ist ein Tonband-Protokoll der besonderen Art. Einem Reporter von ÖSTERREICH gelang es, mit dem Geiselgangster zu telefonieren - als dieser noch in der Bank war. Das Telefonat wirft ein bezeichnendes Bild auf die Psyche des Mannes. Hier die Abschrift. Plus: Das Telefonat als Audio-Datei anhören.

ÖSTERREICH: Ich wollte mit dem Herrn sprechen, der dort mit ein paar Leuten drinnen sitzt. Mit wem hab ich die Ehre?
Mitarbeiter: Mitarbeiter der Bawag.
Verstehe. Das heißt Sie sind Geisel?
Ja.
Was passiert jetzt gerade?
Wer sind Sie bitte?
Mein Name ist Hagyo von der Tageszeitung Österreich.
Na bitte jetzt nicht. Danke.
Könnte ich bitte den Herren, der sie bedrängt sprechen?
Von wem sind Sie bitte?
ÖSTERREICH.
(Lange Pause.) Ich verbinde Sie.
Danke sehr.
Geiselnehmer: Hallo.
Hallo hallo? Grüße Sie, mein Name ist Hagyo von der Tageszeitung Österreich.
Wia haaßen Sie?
Hagyo.
Und? Was san Sie für a Landsmann?
Österreicher.
Hagyo is ja ka Landsmann.
Dochdoch, glauben Sie mir.
Ok, und weida?
Na, i wollt fragen, wie geht’s Ihnen so?
Wie geht’s Ihna?
Mir geht’s ausgezeichnet.
Na sehn Sie.
Aber das ist jetzt nicht die Frage, ich habe gehört, Ihnen sind Zigaretten geliefert worden.
Na, wir ham kane Zigaretten.
Sie haben keine Zigaretten gekriegt?
Na, des warn&.. Sind Sie von der Kronen Zeitung?
Nein, von ÖSTERREICH.
Pass auf amol. Jetz sog i da aans, Märchenprinz. I hob weder Zigaretten kriagt no sunst wos. Ja?
Ja.
Und jetzat dann weama no amoi anruafa, dass ma endlich amoi auf Klo gehen kennan. Weil's Klo is abgesperrt.
Wirklich? Wieso ist es abgesperrt?
Na weil's zua is. Wos haast, wieso is es ogsperrt?
Ist des normal dort?
Na des is net normal. Jetzt schiaß i da eini amol. Pass auf, i kenn di ned. Wie haast du no amoi? Hodi, Hodi?
Hagyo
Wart, wüst a Geisl sprechen?
Na, i wollt fragen, wias jetz weitergehen wird.
Wos hast, wias weitergeht? Woher ham Sie die Nummer überhaupt?
Aus dem Telefonbuch.
Des gibt’s net.
Sicher.
Wos hast sicher? Wie redst’n mit mir? Das haaßt ja.
Ja.
Des huacht si besser an.
(Klack - aufgelegt.)"

Nicht zum ersten Mal in der Geschichte mischen sich Medien in ein Geiseldrama ein.
Als Gladbecker Geiseldrama wird ein Verbrechen bezeichnet, das sich im August 1988 ereignete und über mehrere Tage erstreckte. Aus einem gescheiterten Banküberfall durch Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner in der nordrhein-westfälischen Stadt Gladbeck entwickelte sich eine Flucht quer durch Deutschland mit mehrfacher Geiselnahme, bei der es insgesamt drei Tote (zwei Geiseln und ein Polizist) und viele Verletzte gab. Das Geiseldrama erregte in der Öffentlichkeit viel Aufsehen, da Journalisten die Geiselnehmer wie Medienstars behandelten.

Durch Live-Berichte und Interviews machte das Fernsehen die beiden Verbrecher, den 32-jährigen Dieter Degowski und den 31-jährigen Hans-Jürgen Rösner, zu Medienstars. Das sensationshungrige Verhalten der Presse rief in der Öffentlichkeit Empörung hervor. Auch die Taktik der Polizei wurde heftig angegriffen. Ihr wurden schwere Organisationsfehler und psychologisches Ungeschick vorgeworfen. Der Bremer Innensenator Bernd Meyer trat wegen polizeilicher Fehler zurück.

Als Konsequenz aus dem Verhalten der Journalisten während des Geiseldramas hat der Deutsche Presserat am 7. September 1988 festgestellt, dass es "Interviews mit Geiselnehmern während des Geschehens nicht geben darf" und es "nicht die Aufgabe von Journalisten sei, eigenmächtig Vermittlungsversuche zu unternehmen" und den Pressekodex entsprechend erweitert.

In Österreich fehlt ja seit längerem so ein Kontrollorgan!

In diesem Zusammenhang richten die unterfertigten Abgeordneten an den Bundesminister für Inneres folgende

Anfrage:

1.Zu welcher genauen Uhrzeit hat der Geiselnehmer die Bank betreten?

2. Wurde von der Bank Alarm ausgelöst?

3. Wann wurde die Exekutive von diesem Banküberfall alarmiert?

4. Wann waren die ersten Exekutivbeamten vor Ort?

5. Zu welchem Zeitpunkt wurde die Mariahilfer Straße im Bereich der Bank gesperrt?

6. Ist ihnen bekannt, dass ein Reporter der Tageszeitung Österreich mit dem Geiselnehmer telefoniert hat?

7. Ist ihnen der betreffende Reporter Arpad Hagyo bekannt?

8. Wer hat den Reporter beauftragt mit dem Geiselnehmer zu telefonieren?

9. Von welchem Telefonapparat wurde der Geiselnehmer angerufen?

10. Ist es von Seiten der Exekutive vorgesehen, dass fremde Personen, wie hier Reporter, Kontakt mit einem Geiselnehmer aufnehmen?

11. Kann es durch Störungen während einer polizeilichen Verhandlung mit Geiselnehmern zu einer Eskalation der Lage kommen?

12. Kann ein Anruf einer fremden Person beim Geiselnehmer, wie in diesem Fall eines Reporters, die Sicherheit der Geiseln gefährden?

13. Hat es bis dato bereits ähnliche Fälle der Einmischung in laufende polizeiliche Verhandlungen mit einem Geiselnehmer in Österreich gegeben?

14. Entspricht es der Tatsache, dass der Reporter den Geiselnehmer provoziert hat?

15. Gibt es eine gesetzliche Regelung solche Einmischungen von Seiten der Journalisten zu unterbinden?

16. Ist ein strafrechtlicher Tatbestand hier gegeben?

17. Ist ein verwaltungsrechtlich zu ahndender Tatbestand gegeben?

18. Wenn nein, ist die Schaffung einer solchen Regelung geplant?

19. In wie weit werden sie gegen die Zeitung Österreich in dieser Sache vorgehen?

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Karl Heinz Grünsteidl, Bundespressereferent
Tel.: +43-664-44 01 629, karl-heinz.gruensteidl@fpoe.at

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