"Die Presse" Leitartikel: Die Insel der Seligen:Ein verlogener Mythos von Oliver Grimm

Ausgabe vom 21.02.2007

Wien (OTS) - Terrorismus? Trifft uns nicht. Mag die Welt sich noch stark ändern: Du, glückliches Österreich, duck dich!

Wovon träumen Terroristen? Vielleicht von Flughäfen, in deren Eingangshalle man mit dem Auto fahren kann. Die unmittelbar neben Raffinerien liegen. Und die von Kampfjets bewacht werden, die älter als ihre Piloten sind, weil der Regierungschef mit dem Slogan "Sozialfighter statt Eurofighter" Pensionserhöhungen fliegen lässt. Ja, es geht um den Flughafen Wien-Schwechat, dessen Sicherheitsvorkehrungen so mangelhaft sind, dass sich Terror-Experten mit einem unguten Gefühl beim Check-in anstellen. Man stelle sich vor: Attentäter rasen mit dem Auto durchs Portal, feuern mit Maschinengewehren um sich und zünden eine Bombe. Schockierend!
Fast genau so ein Attentat hat Schwechat schon erlebt. Am 27. Dezember 1985 warfen palästinensische Terroristen eine Granate vor den Schalter der israelischen El Al und lieferten sich ein Feuergefecht mit der Polizei. Bilanz: Zwei Tote, 40 Verletzte.

Reine Panikmache? Der heutige Terrorismus ist ja mit dem einstigen palästinensischen "Befreiungskampf" nicht zu vergleichen. Ziele der Islamisten sind Amerikaner und Briten, die Krieg gegen Moslems führen. Österreich dagegen ist klein und an diesen Konflikten unbeteiligt. Mögen andere Kreuzzüge führen: Du, glückliches Österreich, duck dich!
Die Theorie von der "Insel der Seligen" in der rauen See des Weltgeschehens gehört zur österreichischen Folklore - und ist tiefst verlogen. Da wird ein flauschiger Pullover der Selbstgenügsamkeit gestrickt, der im harmlosesten Fall dafür sorgt, dass sich Österreichs Volksvertreter bei internationalen Auftritten ein bisschen blamieren. Im schlimmsten Fall aber schadet dieses "Cocooning" den Bürgern.
Denn wie soll man die Terrorgefahr realistisch beurteilen, wenn man meint, dass Österreich zu unwichtig für al-Qaida ist? Einer staatenlosen Mörderbande, die sich nicht mit der Analyse der österreichischen Neutralitätspolitik befasst, sondern zuschlägt, wo sie den Westen am einfachsten trifft. Es sei daran erinnert, dass hierzulande in den Achtzigerjahren terroristisch gemordet wurde, obwohl sich Bruno Kreisky von den Palästinenser-Führern ein kussbedingtes Hämatom nach dem anderen holte. Wenn Außenpolitiker mit Verweis auf Kreiskys Ära "Nur keine Wellen!" als Devise ausgeben, sollten sie sich des Mordes am Wiener SP-Stadtrat Heinz Nittel entsinnen.
Zumal Österreich für islamistische Gewalttäter nicht so unscheinbar ist, wie es sich die Beschwichtiger gerne vormachen. Da lügt sich auch die ÖVP in den Sack. Denn während die Außenministerin am Höhepunkt der bitteren Farce um die "Mohammed"-Karikaturen kaum aus dem Beruhigen moslemischer Würdenträger herauskam, setzten am 6. Februar 2006 Benzinbomben das österreichische Kulturforum in Teheran in Flammen. Um ein Haar wäre das auch mit der Botschaft in Beirut passiert - "zum Glück" brannte "nur" das Büro der Dänen. Selber schuld, denken sich selige Insulaner: Hätten sie halt ihre Zeitungen besser unter Kontrolle.
Gewiss: Diplomatie ist die Kunst, mit seinen Feinden im Gespräch zu bleiben. Dabei sollte man aber die eigenen Werte nicht über Bord werfen. Wer sich beleidigt fühlt, soll vor Gericht ziehen - aber keine Molotow-Cocktails mischen. Nein, um Panikmache geht es nicht. Sondern um die Frage, ob sich Österreich durch eine Vogel-Strauß-Strategie wirklich vor den unerfreulichen Seiten des Zeitgeschehens schützen kann. Dazu tut es not, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Und sich zu fragen, ob man mit muslimischen Mitbürgern tatsächlich "vom Nebeneinander zum Miteinander" kommen will, wie die Außenministerin sagte.

Wenn sich zum Beispiel eine durch und durch österreichische, feinstes Schönbrunner-Deutsch sprechende Muslimin (ohne Kopftuch noch dazu) nach 9/11 von ihrem - akademisch gebildeten - Chef anhören muss, was "ihr" "euch" eigentlich dabei denkt, Flugzeuge in Häuser zu fliegen. Und während man feige Phrasen über "Communities mit Migrationshintergrund" drischt, übersieht man, dass man diesen "Communities" am besten hilft, wenn man sie nicht als Befürsorgungsobjekte behandelt. Sondern als Staatsbürger. Es wird seinen Grund haben, warum etwa Tariq Krim, Gründer des millionenschweren Internet-Unternehmens Netvibes, keine Lust hat, sich zum Fürsprecher der Algerier in Frankreich zu machen. Der Mann hat zu viel damit zu tun, eine Firma zu führen und Arbeitsplätze zu schaffen.
Bürger statt Untertanen, Meritokratie statt "Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht": Auf so einer Insel der Seligen ließe man sich gerne nieder.

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