"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Problem Pflege besteht im fehlenden Mut zu Wahrheit" (von Claudia Gigler)

Ausgabe vom 16.02.2007

Graz (OTS) - Das Thema Pflege bewegt sich innerhalb einer
seltsamen Spannung zwischen erlebter und verleugneter Realität.

Nahezu jeder hat mit dem Thema persönlich zu tun - sei es, weil er selber pflegebedürftig ist, weil er Angehörige hat, um deren Pflege er sich kümmern muss, oder auch nur weil er im Bekanntenkreis erlebt, wie es Betroffenen geht. Faktum ist, dass nur sehr Betuchte oder Beamte mit hohen Pensionen sich keine Sorgen machen müssen, zum Pflegefall zu werden. Trotz der Einführung des Pflegegeldes sind es oft die finanziellen Belastungen, die es schwer machen, jene Hilfe zu finden, die man braucht.

Gleichzeitig haben Politiker eine merkwürdige Scheu davor, das heiße Eisen anzupacken, weisen Wähler mögliche neue "Belastungen" weit von sich, halten Jüngere eine Versicherung gegen das voraussehbare Risiko für entbehrlich.

In wenigen Jahren werden die Grenzen des Machbaren innerhalb des derzeitigen Systems erreicht sein. Stellt sich die Frage, warum Experten und Politiker nicht eine Frage nach der anderen schlicht und einfach abarbeiten und das Volk mit einer ehrlichen Analyse überraschen.

Frage Nummer 1: Soll es für jeden das Angebot geben, das er braucht, und soll er sich selber aussuchen dürfen, was er braucht? Ersteres vermutlich ja, zweiteres nur bedingt: Wo es um Kosten geht, die von der öffentlichen Hand getragen werden, muss diese die Möglichkeit haben, das Angebot zu steuern. Um eine Instanz, die feststellt, welches Ausmaß an Selbstständigkeit und Mobilität zumutbar ist, wird man nicht herumkommen.

Frage Nummer 2: Sollen alle Kosten aus Steuermitteln bezahlt werden? Die Frage beantwortet sich von selbst: Ohne Eigenleistungen zusätzlich zu dem, was der Staat an Steuern einnimmt, geht es auch jetzt schon lange nicht mehr. Die Betreuungskapazitäten innerhalb der Familie werden abnehmen, die Zahl der Betroffenen wird zunehmen und aus "schwarzen" sollen (teurere) offizielle Pflegeleistungen werden.

Frage Nummer 3: Wen sollen diese Eigenleistungen treffen, und wann sollen sie ihn ereilen? Will man soziale Verträglichkeit, muss man den Beitrag ans Einkommen binden. Will man familiäre Verträglichkeit, muss man aus einer Zahlungspflicht für Angehörige eine Beitragspflicht für künftige Betroffene machen. Will man keinen Bruch im Leben, muss man die Last auf einen längeren Zeitraum verteilen.

Es fehlt den Handelnden an Mut, die Wahrheit zu benennen - darin besteht das Problem Pflege. ****

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