"Kleine Zeitung" Kommentar: "Keiner will den Schwarzen Peter, die Kinder haben ihn sowieso" (Von Beate Pichler)

Ausgabe vom 13.02.2007

Graz (OTS) - In Oberösterreich wird derzeit ein Spiel gespielt,
das eigentlich eins fürs Kinderzimmer ist: Schwarzer Peter. Wer ihn zuletzt in der Hand hat, hat verloren - also heißt es, ihn so schnell wie möglich loszuwerden und dem nächsten zuzuschieben. Mit ein bisschen Glück verliert sich zum Schluss ja seine Spur - und es gibt überhaupt keinen Schuldigen. Sondern nur die Opfer.

Viktoria, Katharina und Elisabeth. Drei Schwestern, inzwischen 15, 18 und 21 Jahre alt, die jahrelang abgeschottet von der Umwelt unter unvorstellbaren Bedingungen leben - oder soll man sagen: hausen? -mussten. Seit mittlerweile eineinhalb Jahren versuchen sie in einem Therapiezentrum, wieder Boden unter die Füße zu bekommen und den Schritt in ein Leben zu schaffen, das wohl nie mehr ein "normales" sein wird. Aber vielleicht ein geordnetes.

Wie konnte das geschehen?, fragt sich in naiver Laienhaftigkeit der Außenstehende - während am Ort der Tragödie der Schwarze Peter rotiert. Und mit jedem Mal Weitergeben fällt neues Licht auf die Schattenseiten eines Falles, von dem man kaum glaubt, dass er in unserer zivilisierten Welt überhaupt passieren kann. Noch dazu, wo die Eltern sind, was man landläufig etwas Besseres nennt: Juristen, der Vater Richter.

Doch genau da scheint der Hund begraben zu sein: Die Behörden wären "ohnmächtig gegenüber der rechtskundigen Mutter" gewesen, die meist in Begleitung eines Anwalts gekommen sei, meint der Psychiater. Auch der zuständige Soziallandesrat vermutet eine behördliche "Beißhemmung" in diesem Fall, der übrigens nicht erst seit seiner Aufdeckung einer ist.

Nein, informiert waren offenbar alle. Aber so wie's aussieht, war der Blick getrübt: Wäre Gefahr in Verzug gewesen, hätte man natürlich sofort und früher gehandelt, lässt heute die Bezirkshauptmannschaft wissen. Doch Mutter und Töchter seien zu allen Terminen bei Gericht gekommen, von Verwahrlosung keine Spur.

Auch die Schulbehörde lässt sich nichts vorwerfen. Überdurchschnittlich viele Fehlzeiten? Schon. Aber die Kinder seien halt "ein bisserl verängstigt" gewesen, hätten dafür mit der Mutter gelernt, die nötigen Prüfungen bestanden und seien sauber zu Veranstaltungen gekommen. Sonst noch was?

Ja. Drei Opfer - nicht nur ihrer Mutter, über die das Gericht entscheiden muss, ob sie Täter oder Opfer ist. Sondern einer Gesellschaft, die sich selbst im Nachhinein schwer tut zu sagen, dass Fehler passiert sind. Wie schwer muss es dann erst sein, darüber nachzudenken, wie man so etwas verhindern kann? ****

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