Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Selbstbedienung ohne Kassa

Wien (OTS) - Viele Österreicher halten das Sozialsystem noch immer für einen Selbstbedienungsladen ohne Kassa. Zahlen müsste ja höchstens der nicht vorhandene Nachwuchs. Diese Einstellung belegen die täglichen Wortspenden der Politik, aber auch das Fehlen einer Debatte darüber, dass hierzulande jeder Beschäftigte im Schnitt 12 Tage pro Jahr krank ist, in Deutschland hingegen nur 7 Tage. Würde das einmal ernsthaft analysiert, müssten sich neben Gewerkschaft und Sozialminister auch viele krank-schreibende Ärzte unangenehmen Fragen stellen.

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Apropos Selbstbedienungsladen: Auch diesbezüglich sind die Grünen Spitze. Sie kritisieren die geplante Grundsicherung, weil man sie nur dann bekommen soll, wenn man arm ist, also kein Vermögen hat. Das heißt: Die Grünen fordern ein staatliches Grundeinkommen für alle, die nicht arbeiten wollen und die diesen fehlenden Willen irgendwelchen Umständen in die Schuhe schieben können.

Dieser Tagtraum von einem Staatseinkommen auch für Vermögende ist parteipolitisch durchaus logisch: Sind die Grünen doch statistisch die Partei der reichen Leute. Offensichtlich mit aller Konsequenz.

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Der Landwirtschaftsminister warnt heftig vor einer "regellosen Globalisierung". Eine solche werde es in Österreich nicht geben. Als ob sie im Land der Über-Regulierung und -Subventionierung überhaupt denkbar wäre . . .
Allerdings: Mit solchen Wortblasen erntet man immer Beifall. Und kann den Protektionismus zum Nutzen der europäischen Bauern weiter ausbauen. Auf Kosten der Konsumenten. Und auf Kosten der Bauern in der Dritten Welt, die deshalb nicht nach Europa exportieren können.

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Am gleichen Ort (im Ökosozialen Forum) sagte übrigens der holländische Agrarminister etwas Logisches - aber völlig Inkorrektes. Die derzeit am Pranger stehende globale Erwärmung werde auch große Nutznießer haben: Die Bauern im Norden und im Osten. Russland, Kanada und Skandinavien werden also globale Kornkammern, während im Pazifik einige Inseln untergehen.
Vorsicht: Dieser Satz wird sicherlich bald unter politische Zensur gestellt und verboten werden.

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