"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die europäische Naivität kann keine politische Tugend sein" (Von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 12.02.2007

Graz (OTS) - Alte Spione sprechen eine klare Sprache, sagte Ex-CIA-Chef und US-Außenminister Robert Gates im Scherzstil auf die Attacken des Ex-KGB-Manns und russischen Präsidenten Wladimir Putin. In der Sache wünschte sich Gates keinen neuen Kalten Krieg. Putin hatte sich weniger US-Machtpolitik gewünscht. Beide dürften ihre Wünsche nicht erfüllt bekommen. Für die Europäer bedeutet dies, rechts und links eine auf die Wange zu kriegen. Denn die Weltpolitik der EU kennt nur eine Generallinie: durchmogeln. Das dürfte nach München viel weniger gut funktionieren als vorher.

Die meisten Europäer kritisieren US-Präsident George Bush heftig. Nicht zu Unrecht. Sie möchten auf keinen Fall am Gängelband der USA geführt werden. Aber: Möchten sie am Gängelband von Wladimir Putin wandern? Ist die russische Praxis in Tschetschenien ein Jubelprogramm im Vergleich zur amerikanischen im Irak? Und die Chefs der chinesischen KP sind wohl auch keine Führeralternative für friedensbewegte Europäer und von Ahmadinejad ganz zu schweigen.

Es hat keinen Sinn, die Augen vor der Realität der Macht zu schließen. Natürlich ist es so, wer Macht hat, wird unrein. Kein Mächtiger kann seine Hände in Unschuld waschen, ohne das Wasser rot zu färben. Schon wer die Macht hat, sich seines Nachbarn zu erwehren, wird bei dem die Angst auslösen, er könnte ihn erobern.

Die Macht ist das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt, hat Friedrich Hacker schon vor Jahrzehnten pointiert formuliert. Es gibt kein nachhaltiges Gegenargument gegen ihn.

Weil das für einen anständigen Menschen so furchtbar ist, flüchten die meisten Europäer in die Naivität. Man kritisiert die Macht und lässt sich gleichzeitig von einer Macht gegen andere beschützen. Nicht selber bomben, sondern bomben lassen. Diese Naivität wird als Moral verkauft. Aber die europäische Naivität kann keine politische Tugend sein.

Zugunsten der EU-Europäer lässt sich sagen, dass sie einen Ausweg gefunden haben und ihn gegangen sind. Für sie ist der Krieg nicht mehr die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Sie halten sich an Friedrich Hacker: Probleme, die nur mit Gewalt gelöst werden können, müssen neu gestellt werden.

Aber diese hart erkämpfte und stets gefährdete Insel der Seligen endet schon auf dem Balkan, wie wir wissen. Weltweit gibt es unsere Insel nicht. Solange es so ist, werden wir nicht ernst genommen, wenn wir uns nicht ernst nehmen und die Schuld der Macht verweigern. In München wurde uns das modellhaft vorgeführt.****

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