WirtschaftsBlatt Kommentar vom 12. 2. 2007: Der Opernball in den Händen von Verkaufsgenies - von Angelika Kramer

Überall sonst in der Wirtschaft wäre die Donatoren-Regelung undenkbar

Wien (OTS) - Was haben Paris Hilton und Elisabeth Gürtler gemeinsam? Abgesehen von ihrer Nähe zu Hotels sind die beiden Damen zweifellos enorme Verkaufstalente, denn sie kassieren Geld, ohne eine adäquate Gegenleistung zu bieten.

Die Millionenerbin Paris Hilton bekommt für die Marke "Paris Hilton" bezahlt. Dahinter steckt aber nicht etwa eine geistreiche oder besonders gutaussehende Persönlichkeit, sondern ein Society-Sternchen, das mehrfach bewiesen hat, weder als Sängerin noch als Schauspielerin reüssieren zu können. Dennoch: Wo Paris auftaucht, warten die Kameras und kreischende Massen.

Elisabeth Gürtler wiederum ist für die Vermarktung des Wiener Opernballs zuständig und beweist in dieser Funktion unglaublichen Erfindungsreichtum. So verlangt sie für eine Loge, die normalerweise "nur" 16.000 Euro kostet, mehr als das Doppelte, satte 36.800 Euro. Denn, so die Ballherrin, jemand, der den Opernball besuchen wolle, dessen Interesse wird sich ja wohl nicht nur auf den Ballbesuch beschränken. Vielmehr müsse ihm das Wohl der Staatsoper am Herzen liegen. Deswegen könne man ihm auch locker 36.800 Euro für eine Loge abknöpfen. Dafür wird ihm dann der begehrte Titel "Donator" verliehen.

Überall anders in der Wirtschaftswelt wäre eine derartige Vorgehensweise undenkbar. Stellen Sie sich etwa vor, Sie gehen zum Greissler ums Eck und wollen eine Leberkäsesemmel kaufen. Der Greissler entgegnet: "Die Semmel können S' schon haben, sie kostet aber das Doppelte, weil das übrige Geld dafür verwendet werden soll, das Greissler-Sterben zu verhindern." Völlig undenkbar.

Weil es aber nur einen Opernball gibt, hat Frau Gürtler alle Trümpfe in ihrer Hand und kann sogar - trotz solch umstrittener Praktiken -ihre Logen erfolgreich an den Mann bringen.

Dass einige Wirtschaftsbosse, wie Hannes Androsch, bei diesem Spiel nicht mehr mitspielen, lässt die Opernball-Lady kalt. Auch, dass die Staatsoper eine öffentliche Institution ist, die zu einem beträchtlichen Anteil aus Steuergeldern finanziert wird, scheint Gürtler nicht zu kümmern. "Nur Besucher, die sich ordentlich schröpfen lassen, sind gute Besucher", lautet die Devise. Wie lange dieses Konzept noch gut geht - für kommendes Jahr wurde ja bereits eine Verteuerung der Logen angekündigt - wird sich zeigen. Vielleicht sitzen ja Gürtler und Hilton bald allein in der Oper?

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