"Kleine Zeitung" Kommentar: "Unlustige Großkoalitionäre auf der Suche nach Sinn" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 07.02.2006

Graz (OTS) - Alfred Gusenbauer reist heute nach Deutschland. Es
ist seine erste Dienstreise ins Ausland. Der Besuch verspricht einfach zu werden - wie eine Familienvisite. Zwist, wenn es ihn denn geben sollte, betrifft Details, nicht das Grundverhältnis. Das steht bei Verwandten außer Streit.

Deutschland ist wie ein großer Bruder, bewundert und beneidet. Beides kaschiert der Schwächere gern mit ein bisschen Herablassung, gelegentlich Hochmut. Es sind die einzigen Waffen, die dem Verlierer der Geschichte bleiben.

Verlierer? Das kleine Österreich ist momentan an fast allen Fronten vorne. Die Arbeitslosenzahlen sind bedeutend niedriger, Deutsche suchen bei uns Beschäftigung. Studenten, die zuhause keinen Studienplatz finden, strömen an unsere Universitäten. Unsere Wirtschaft wächst stärker als die deutsche, die unter den Folgen der Wiedervereinigung leidet. Und sogar im Pisa-Test liegen wir vor dem Nachbarn, wenn auch nicht viel. Alfred Gusenbauer kann also "auf gleicher Augenhöhe" mit seinen Partnern reden.

Der Spruch ist nur eines von vielen deutschen Importprodukten. Gerhard Schröder hat ihn geprägt, nachdem seine SPD die Wahl vor zwei Jahren knapp verloren hatte. Wolfgang Schüssel kopierte den Sozialdemokraten, nicht nur dessen Phrasen. Das erklärt die Parallelen, denen Gusenbauer in Berlin begegnen wird. Finanzminister Peer Steinbrück, den er treffen wird, gehört der SPD an, dem Juniorpartner in der großen Koalition. Auch das Außenamt, das in Deutschland besonders populär ist, hat sich der Wahlverlierer gesichert. Von den großen Ministerien blieb der CDU nur das Innenressort. Das ist nicht viel, aber mehr, als Gusenbauer für die SPÖ zur Seite schaffen konnte.

Zweimal große Koalition: Hier wie dort regiert sie mit breiter Mehrheit, schwachem Programm und spürbarer Unlust. Hier wie dort arbeiten beide Partner vor allem daran, die Startblöcke für den nächsten Anlauf zum Sieg einzurichten.

Wie gut die Beziehungen zwischen den Nachbarn sind, zeigt die Tagesordnung. Europa steht drauf. Angela Merkel wird wohl versuchen, Gusenbauer die EU-Verfassung schmackhaft zu machen. Die Kanzlerin, die derzeit dem Europäischen Rat vorsitzt, will dem gescheiterten Entwurf noch eine Chance geben. Auch über Sozialpolitik für den Kontinent wollen die beiden sprechen.

Das fast in Verruf und Vergessenheit geratene Jahrhundertwerk der kontinentalen Einigung - eine Vision für nüchterne Großkoalitionäre auf der Suche nach Sinn. ****

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