Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Von Androsch zu Grasser

Wien (OTS) - Ex-Finanzminister haben oft Normalisierungsprobleme. Besonders wenn sie, wie Hannes Androsch und Karl-Heinz Grasser, einst Jungstars gewesen sind. Es steigt einem leicht zu Kopf, wenn alle Großköpfe Österreichs vor einem gebuckelt haben.

Bei Androsch - der im Gegensatz zu Grasser sogar mit dem Strafrichter konfrontiert worden ist - dreht es einem den Magen um, wenn er mit roten Augen verkündet, Bruno Kreisky würde bei bestimmten Aktionen seines Nach-Nach-Nach-Nachfolgers Alfred Gusenbauer im Grab rotieren. Wie auch immer man diesen und Kreiskys Grab-Verhalten einschätzen mag: Androsch ist der Letzte, der sich auf Kreisky berufen darf, war doch die Verachtung für, ja der Hass auf Androsch in den letzten Jahren ein zentraler Lebensinhalt Kreiskys.

Trotzdem hatte Androsch lange extrem hohe Popularitätswerte. Ebenso wie Grasser. In dessen Fall schien es dem Tagebuchautor auch ein schwerer Fehler der ÖVP gewesen zu sein, auf ihn zu Gunsten des farblosen und kommunikationsschwachen Günther Platter zu verzichten. Allein: Noch ein oder zwei peinliche Society-Auftritte Grassers, und dieses Urteil ist zu revidieren. Seine Frau dürfte dafür sorgen, dass das große Talent Grasser endgültig zum Seitenblicke-Kasperl verkommt.

Während man ja noch darauf spekulieren kann, dass KHG solcherart bei unpolitischen Menschen dennoch populär bleibt, ist es ein absolutes Rätsel: Wie will er mit einem Jet-Set-Image in die von ihm angestrebte diskrete Nadelstreif-Branche der Finanz- und Industriebosse aufsteigen?

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Die USA sind derzeit weltweit in Verruf. Dabei wird ihnen oft Unrecht getan. Aber eines ist absolut unverständlich: Wenn sie - mit guten Gründen - Iran als große Bedrohung des Weltfriedens erkennen, warum verhandeln sie nicht Tag und Nacht mit dem Mullah-Staat?

Die USA praktizieren stattdessen totale Kommunikationsverweigerung. Das steht in totalem Kontrast zu den häufigen Gipfelkonferenzen, auf denen die USA einst mit dem hochgerüsteten Todfeind in Moskau um den Weltfrieden gerungen haben. Solange noch eine kleine Chance besteht, das iranische Großmachtsgehabe auf diese Weise zu entschärfen, sollte man sie unbedingt nutzen.

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