"KURIER"-Kommentar: Anneliese Rohrer über den Missbauch von Daten der e-cards

Im Gesundheitswesen soll Großes erledigt und über Wichtiges geredet werden.

Wien (OTS) - Die neue Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky von der ÖVP hat in den ersten Wochen durch Sager und Stil bereits einiges politisches Kapital angehäuft. In der etwas überraschten Öffentlichkeit wirkte sie mit ihrer politisch unkorrekten Unbekümmertheit auf junge Menschen erfrischend anders als die übliche Nomenklatura und auf Älteren vielleicht authentisch. Jetzt allerdings wird es darauf ankommen, wie sie dieses Kapital einsetzt und vor allem wofür. Die Kosten des österreichischen Gesundheitswesens sind nämlich nur ein Bereich. Dort wird mit Beträgen jongliert, die sich dem Verständnis von Jung und Alt völlig entziehen. Wenn Kdolsky also mit hunderten Millionen Euro da oder dort argumentieren sollte, wird ihr politisches Kapital im Nichts versickern - wie bei ihren Vorgängern. Denn dauernd Einsparungen zu beschwören bringt gar nichts. Die Beitragszahler wollen, dass gespart, aber nicht ununterbrochen nur darüber geredet wird. Kdolsky hat angekündigt, sich wieder mehr um den "Patienten" im Gesundheitssystem kümmern zu wollen. Wenn demnächst wieder die Debatte um den Schutz der Patienten vor dem möglichen Missbrauch seiner Daten voll einsetzen wird, hat die Neo-Ministerin die Chance, ihr Kapital zu vermehren: e-Health, ELGA (Elektronische lebensbegleitende Gesundheitsakte), e-Card, e-Medikationsdatenbank sind alles Begriffe, die den Menschen einfach Angst machen müssen. Da lauern in Vernetzungen, Verknüpfungen, Verflechtungen Gefahren für die höchst persönlichen Daten der Versicherten, die subjektiv als äußerst negativ empfunden werden.
Hier müsste Kdolsky den von ihr so geschätzten Patienten durch das Dickicht der Argumente zu einer für ihn angstfreien und akzeptablen Lösung führen: All diese e-Mittel mit ihren geheimnisvollen Chips können Einsparungen bringen, was dem Versicherten zugute kommen kann; können Schutz bedeuten, wenn notwendige medizinische Informationen im Akutfall parat sind; können entlasten, wen man nicht ein und dieselbe Untersuchung wiederholen muss. Sie können wie alle technologischen Neuerungen aber auch zu Missbrauch führen, eine Verletzung der Privatsphäre bedeuten, oder von Nachteil sein.
Zum Beispiel der sogenannte Arzneimittelsicherheitsgurt mit e-card, mit Hilfe dessen jede Apotheke erfährt, welches Medikament ein Versicherter in jeder anderen Apotheke bereits bezogen hat. Er kann (wie im Auto) dem Schutz dienen, aber auch (wie im Auto) auch nicht.
Wahrscheinlich wird die Diskussion um die e-cards aller Art im Gesundheitssystem wieder in eine Glaubensfrage ausarten: Für die Lobpreisung der Vorteile und die Warnungen vor Missbrauch wird es jeweils stichhaltige Argumente geben. Der Rest wird Glaubenssache sein. (Leider auch Interessens- und Geschäftssache).
Da werden Kdolskys gesunder Hausverstand und die erfrischende Unaufgeregtheit, die ihr im Moment zugetraut wird, gefordert sein. Denn diese Entscheidungen sind näher beim Patienten als jeder Krankenanstaltenplan.

Rückfragen & Kontakt:

KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
innenpolitik@kurier.at
www.kurier.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0001