"Presse"-Kommentar: Das Karnevalsbild gehört ins Depot (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 3. Februar 2007

Wien (OTS) - Das dröhnende Schweigen der Intellektuellen zum Fall Strache zeigt ihren letzten Rest an Loyalität zur SPÖ.
Der "antifaschistische Karneval" der Anti-Regierungs-Demonstranten des Jahres 2000 hat im dröhnenden Schweigen der österreichischen Intelligentsija zum "Fall Strache" seinen Höhepunkt und Abschluss gefunden. Was von jetzt an stattfindet, ist ein auf Dauer gestellter intellektueller Aschermittwoch im Lande: vollständige Enthaltsamkeit. Die Empörten und Besorgten der Jahrtausendwende haben sich kollektiv eine schreiberische Fastenkur auferlegt. Sogar Robert Menasse, der wortgewaltige Richter über die österreichische Vergangenheit und Gegenwart, ist vom intellektuellen Heilfasten so sehr geschwächt, dass es gerade noch zu einem verquälten Bonmot über Strache und Gusenbauer reicht: "Mich wundert eigentlich nur, warum sich ununterbrochen alle immer wieder aufs Neue über Dinge wundern, die wir wissen. Es kann nur daran liegen, dass die Zeit in Österreich alles Wundern heilt."
Lapidarer hat noch kaum jemand die Aufgeblasenheit der eigenen essayistischen Arbeit eines knappen Jahrzehnts einbekannt.
Stellen wir uns kurz vor, wie die Reaktion von Robert Menasse, Doron Rabinovici, Isolde Charim, Peter Turrini, André Heller und all den anderen Priestern, Diakonen und Ministranten der österreichischen Vergangenheitskirche ausgefallen wäre, hätte anno dazumal Wolfgang Schüssel die neonazistische Vergangenheit auch nur eines freiheitlichen Hinterbänklers als "Jugendtorheit" bezeichnet, aus der man ihm "keinen Strick drehen" dürfe. Dann lässt sich erahnen, welch bedeutende Markierung die Angelobung Alfred Gusenbauers als Bundeskanzler für die intellektuelle Landschaft Österreichs darstellt. Künftig können wir den 11. Jänner alljährlich dem Gedenken an das Ende der österreichischen Vergangenheitspolitik widmen.
Mit diesem Tag nämlich war deren oberstes und einziges strategisches Ziel erreicht: Die Wiedergewinnung der Regierungsmacht für die Sozialdemokratie. Die öffentlich genannten Motive für die massiven Interventionen der linken Intelligenz -"Vergangenheitsbewältigung" im Sinn von historischer Einordnung ungeklärter Fakten und Interpretationen - waren schon vor sechs Jahren ohne Mühe als vorgeschoben zu erkennen: Diese Arbeit hatten Historiker und Medien im Jahrzehnt davor, als notwendige Folge der Waldheim-Affäre, gründlich erledigt. Dass die Hysteriker des Jahres 2000 heute betreten schweigen oder sich zu abgeklärten "Was wollt's denn"-Statements herbeilassen, ist eine Bestätigung, wenn auch eine, der es eigentlich gar nicht bedurft hätte. Denn das Bild, das die angstlüsternen Widerstandskämpfer von seinerzeit heute in ihrer Ratlosigkeit, in ihrem Schweigen, in ihren spärlichen, pflichtbewusst-lustlos geäußerten Unmutsbekundungen über den Umgang der SPÖ mit Straches Vergangenheit bieten, ist einigermaßen selbst erklärend. Und so erbärmlich, dass es bei jenen "Abweichlern" vom seinerzeitigen linksintellektuellen Mainstream, die von den selbst ernannten Helden der Freiheit und Demokratie wie Aussätzige behandelt wurden, nicht einmal für ein Gefühl der Genugtuung reicht.
Was war Rudolf Burger für seine Analyse, dass sich Künstler und Intellektuelle mit ihrem hysterischen Anti-Wende-Aktionismus auf Jahre die eigene Glaubwürdigkeit entzogen haben, beschimpft worden:
Heute zeigt sich, wie Recht er hatte. Heute hocken die Gutmeinenden, die sich jahrelang vor den Propagandakarren der SPÖ haben spannen lassen, in ihren Ateliers, Garderoben und Professorenzimmern und fühlen sich von der Gusenbauer-SPÖ missbraucht. Sie schweigen aus Loyalität.
Dass heute die ÖVP den Empörten mimt und die SPÖ zu klaren vergangenheitspolitischen Aussagen drängt, entbehrt freilich auch nicht einer gewissen Ironie. Jeder, der die österreichische Innenpolitik einigermaßen regelmäßig verfolgt, könnte mühelos das Redemanuskript anfertigen, mit dem Wilhelm Molterer einen allfälligen "Jugendtorheit"-Sager seines Kanzlers Wolfgang Schüssel als späte Antwort Österreichs auf Nathan den Weisen gerühmt hätte. Die ÖVP-Spitzen sind davon überzeugt, dass Gusenbauer Recht hat. Man kann sich aber das Vergnügen, dass der Kanzler - gemeinsam mit den intellektuellen Ministranten von einst - zur Opferfigur in seiner eigenen vergangenheitskirchlichen Liturgie wird, nicht entgehen lassen.
Die müde und ermüdende Debatte über Straches Vergangenheit und Gusenbauers Gegenwart ist sozusagen der Firnis auf dem antifaschistischen Karnevalsbild, an dem seit dem 4. Februar 2000 gearbeitet wird. Es gehört dringend ins Depot.

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