DER STANDARD-Kommentar "Die Erhitzung Österreichs" von Gerfried Sperl

"Die Regierung nimmt die Klimaänderung noch immer auf die leichte Schulter" - Ausgabe 3.2.2007

Wien (OTS) - Schon bei der Bezeichnung gab es Differenzen. US-Präsident Bush, die Energiewirtschaft und die bisher sehr vorsichtige UNO sprachen von Anfang an vom "climate change" (Klimawandel), weil es ja keine schlüssigen Beweise für ein "global warming" (globale Erwärmung) gebe. Dieser Titel wiederum wurde von Wissenschaftern und NGOs verwendet. Mit dem jüngsten, durch Daten massiv abgestützten UN-Bericht scheint festzustehen: Es gibt diese "Aufheizung", und sie ist, vor allem durch fossile Brennstoffe, vom Menschen verursacht.

Die Folgen für Österreich: heißere Sommer mit mehr als 35 Grad im Schatten. Im Osten und Süden vierzehn Tage oder gar drei Wochen hindurch. Wärmere Winter(nächte) mit noch weniger Schnee als bisher, niederschlagreiche Herbstmonate, kaum noch Frühling. Dazu häufiger Stürme, nur noch selten Land- oder Schnürlregen. Dafür "Starkregen" ohne Blitz und Donner, häufigere Hagelschauer und Wintergewitter. Die Gletscher schmelzen bald ganz ab, das Skifahren wird ein teures Vergnügen, weil bis 1500 Meter Kunstschnee eingesetzt werden muss -wenn überhaupt, weil er nur bis wenige Grad über null funktioniert. Insekten werden aggressiver, die Sonneneinstrahlung intensiver, Nässe und Dürre kontrastieren stärker.

Österreich wird die Auswirkungen weniger stark spüren als Länder mit Meeresküsten. Österreich wird auch deshalb weniger betroffen sein, weil es seit vielen Jahrzehnten eine funktionierende Waldbewirtschaftung gibt und weil die Energieaufbringung durch die Wasserkraft (zuletzt auch durch Wind, Sonne und Biomasse) umwelt- und klimafreundlicher ist. Im Verkehr ist, bis auf den Nachvollzug europäischer Regelungen, nichts geschehen.

Die Politikerkaste hat panische Angst vor den Autofahrern und den Ölkonzernen.

Schon werden Rufe laut, die vor Panikmache warnen. Faktum ist jedoch, dass jene zwei bis vier Grad Temperaturanstieg, die von der UNO generell für die Mitte des Jahrhunderts prognostiziert werden, in Teilen Österreichs bereits in den nächsten 15 Jahren zu erwarten sind. In der Parndorfer Heide, dem westlichen Ende der ungarischen Tiefebene, ist die Sommertemperatur bereits in den letzten 15 Jahren um rund drei Grad gestiegen. Von den Tiroler und Salzburger Alpen ist Ähnliches zu berichten. Wissenschafter haben die Beweise vorgelegt.

Das bedeutet: Nicht nur der Wintertourismus ist gefährdet, auch der Sommer birgt erhebliche Probleme. Der Rückgang der Wassertiefe des Neusiedler Sees hängt weniger mit den Zuflüssen, sondern stärker mit der massiven Verdunstung zusammen. Eine Folge: Segler verlegen ihre Boote an die Adria. Andererseits sagen deutsche Urlauber: "Jetzt sind wir auch hier schon von Windrädern umzingelt." Selbst die alternative Energie hat nicht nur positive Seiten.

Es scheint so, als sollte sich der Landwirtschafts- und Umweltminister Josef Pröll weniger um die Zukunft der ÖVP und mehr um das Klima-schicksal des Landes kümmern. Zum Beispiel: eine Klima-Enquete einzuberufen, an der alle relevanten Wissenschafter, Energiefachleute und Industrievertreter teilnehmen sollten. Am Schluss sollten Empfehlungen stehen, an denen die Maßnahmen der Regierung nach einem oder zwei Jahren gemessen werden könnten.

Es wird auch Auswirkungen geben, an die zunächst nur wenige denken. Wassermangel und steigende Meeresspiegel werden Flüchtlingswellen auslösen, so als genügte es nicht, dass menschliche Aggression ganze Landstriche leert. Die Entwurzelten werden sich dorthin wenden, wo sie sich ein "besseres Klima" (im Mehrfachsinn des Wortes) erhoffen. Werden wir sie alle abweisen können?

Apropos Wasser. Wird der Mangel Österreich direkt betreffen? Nein, sagt die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb. Indirekt vielleicht doch. Denn die notorisch finanzschwachen Gemeinden könnten mit der Zeit so viel Wasser ins Ausland verkaufen, dass erst wieder Knappheit eintritt.

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