DER STANDARD-Kommentar "Irakisches Pandämonium" von Gudrun Harrer

Die Zerfallserscheinungen unter den Schiiten bedeuten nichts Gutes für die Zukunft

Wien (OTS) - Aus der Schlacht bei Najaf, bei der zu Wochenbeginn
an die 300 Kämpfer und Anhänger einer schiitischen Sekte getötet wurden, ist eine relativ einfache Lehre zu ziehen: Aus dem irakischen Morast kriechen immer wieder neue erschreckende Kreaturen. Wieder einmal muss man auf den irakisch-britischen Soziologen Faleh A. Jabar verweisen, der vor der US-Invasion in einem Standard-Interview voraussagte, dass man, wenn einmal der Deckel im Irak weg sei, die einzelnen Konflikte, Gruppen und Interessen oft nicht einmal erkennen und benennen können werde angesichts der irakischen Komplexität. Die Schia hat in ihrer Geschichte allerlei sektiererische Abkömmlinge hervorgebracht: Das ist ja einer der Gründe, warum sie von den Sunniten - bei denen das Verhältnis zwischen Gott und Gläubigen mangels eines vermittelnden Klerus strenger reglementiert ist und die deshalb vielleicht weniger anfällig für Verirrungen sind (dafür neigen sie zu Erstarrungen) - mit Misstrauen betrachtet wird. Und es ist kein Wunder, wenn im heutigen Irak, nach jahrzehntelanger Unterdrückung, die vom Chaos abgelöst wurde, die religiösen Neurosen blühen.
Wie aber die bisher unbedeutende Gruppe eines Spinners, der sich selbst göttliche Autorität zuschreibt, plötzlich zu einer militärischen Stärke kommt, dass sie amerikanische und irakische Truppen über längere Zeit engagieren kann, das wirft ganz andere Fragen auf.
Mit dem sunnitisch-baathistischen Aufstand verbindet die Anhänger des Ahmad al-Hassan, der die Schlacht nicht überlebt haben dürfte, tatsächlich das Interesse am Tod der schiitischen geistlichen Führung, wenn auch aus anderen Gründen. Glaubt man den irakischen Behörden, dann hatte die Gruppe die Ermordung der vier Großayatollahs der Hawza Ilmiya (Theologisches Seminar) in Najaf geplant. Der Bürgerkrieg auf allen Ebenen nach so einem Ereignis wäre sicher -etwas weniger, ob die messianische Gestalt des schiitischen Mahdi tatsächlich schneller wiederkehren würde, wie Ahmad al-Hassan verbreitete.
Jedenfalls eine blutige Episode mehr im Spiel des irakischen Pandämoniums, die dar-an zweifeln lässt, ob die USA_mit 21.000 Mann mehr das Land sicherheitsmäßig in den Griff bekommen werden. Jedes Loch, das gestopft wird, reißt ein anderes auf. Und es müssen immer wieder neue Löcher gestopft werden, wie das jüngste in Najaf. Und wenn diese Obskurantentruppe auch tatsächlich, wie berichtet, ausgelöscht wurde (wobei nicht vergessen werden darf, dass man auch von Frauen und Kindern spricht): Das Vakuum wird von anderen Kräften gefüllt werden. Die USA haben lange Zeit "die Schiiten" auf den -großteils gemäßigten - Obersten Rat für die Islamische Revolution im Irak (Sciri) reduziert, die einzige schiitisch-religiöse Partei, mit der sie vor 2003 kooperiert haben und der man deshalb die Teheran-Nähe nachsah. Bereits die Wendung, dass der erste religiöse schiitische Ministerpräsident - der nicht ausbleiben konnte, allen Neocon-Träumen zum Trotz - aus der Dawa-Partei kam, wie der zweite auch (Ibrahim al-Jafari und Nuri al-Maliki), hat sie analytisch überfordert, und ganz und gar das Aufkommen des Rebellen Muktada al-Sadr mit seiner Millionenanhängerschaft.
Heute ist klar, dass die Zukunft des Irak nicht durch den sunnitischen Aufstand entschieden wird, sondern davon, ob die schiitische Mehrheit dem Projekt Irak noch genügend Vertrauen schenkt. Die Zerfallserscheinungen unter den Schiiten lassen nichts Gutes erahnen. Die Hawza in Najaf hat an Autorität eingebüßt - von Ayatollah Sistani hört man nichts mehr -, und die Regionalisierungswünsche der Sciri im Süden entstammen wohl auch der Einsicht, dass sie in den schiitischen Armenvierteln Bagdads nicht viel zu melden hat.
Und die USA: Sie zeigen auf Teheran, und es wäre in der Tat naiv, die iranischen Finger im Irak nicht zu sehen. Genauso naiv ist es jedoch anzunehmen, dass im Irak alles in Ordnung wäre, nähme man die Iraner aus der Gleichung.

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