Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Geschichts-"Bewältigung"

Wir befinden uns zum 500. Mal mitten in einer Vergangenheitsbewältigung nach österreichischer Art: Jede Seite wirft den anderen alte Sünden vor. Die FPÖ muss sich neben vielem anderen nun auch mit alten Fotos unklaren Inhalts auseinandersetzen; der ÖVP werden wie immer der autoritäre Ständestaats-Kanzler Dollfuss und der Pro-Anschluss-Aufruf des Kardinals Innitzer vorgeworfen; den Grünen ihre Nähe zum gewalttätigen Terror der Nach-68-er Jahre; und der SPÖ das Bündnis Bruno Kreiskys mit einem SS-Offizier, ferner ihre deutschnationale Tradition (die länger anhielt als bei anderen), der Anschluss-Aufruf Karl Renners, der einstige Ruf nach der "Diktatur des Proletariats" oder der von ihr weiterhin hochgeehrte Julius Tandler, der sich zu Lebzeiten intensiv für die Vernichtung "lebensunwerten Lebens" ausgesprochen hatte. Doch jede Seite vergisst bei der Geschichts-Schlacht wie zufällig auf die eigenen Sünden (ebenso wie dies diverse sympathisierende Medien, Archive und Partei-"Historiker" tun).

Man möge uns aber bitte erklären, wem diese Schlammschleuderei nutzt. Gibt es etwa begründbare Zweifel an der demokratischen Überzeugung einer der heutigen Parteien oder eines Politikers? Wenn nicht, dann ist diese Debatte ziemlich zwecklos. Viel spannender wäre es, zu erfahren, wer die besseren Konzepte für die Zukunft hat. Jedoch: Solche Konzepte werden zunehmend rarer. Es hat also offenbar schon seinen guten Grund, weshalb lieber so regelmäßig zum historischen Schmutzkübel gegriffen wird.

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Zwei Ungenauigkeiten im Tagebuch gilt es zu korrigieren:
H.C.Strache ist Zahntechniker, nicht Dentist. Dr. Schaller ist Verteidiger, nicht Anwalt.

Apropos. Noch eine amüsante Fußnote zur Causa Schaller (wegen dessen Gastkommentar das vor allem vom Rathaus subventionierte Dokumentationsarchiv des Widerstands und die Führung der Kultusgemeinde meine Abberufung verlangt haben): Ein Leser wies auf eine frühere Radiosendung hin, in der eben dieser Schaller, der damalige Leiter jenes Archivs wie auch seiner Nachfolgerin interviewt wurden. Ohne dass es damals Proteste oder Abberufungsforderungen gegen einen ORF-Verantwortlichen gegeben hätte. Das Archiv als Glashaus.

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